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26. Juli 2020 Online-Predigt

von Pfarrer GUIDO KOHLENBERG, SPEICHER (Evangelische Kirchengemeinde Bitburg)

Predigttext    Hebräer 13, 1 – 3
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Ge-fangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.
Onlinepredigt     Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommen wird!

Liebe Geschwister, liebe Gäste.Kennen Sie, kennt Ihr Vater Martin? „Ein großer Tag für Vater Martin“ – eigentlich eine Weihnachtsgeschichte von Leo Tolstoi – ist für mich nicht nur eine Art „CORONA-Geschichte“, sondern auch eine Interpretation des Predigttextes. Ich möchte sie – auch wenn‘s verwerflich ist bei dieser schönen Geschichte – nur kurz skizzieren:

Martin, den alle in seinem russischen Dorf „Vater Martin“ nennen, arbeitet und lebt als einsamer armer Schuhmacher in einer kleinen Werkstatt, die ein Oberfenster zur Dorfstraße hin hat und grüßt freundlich die Beine, die vorbeigehen. Und die Menschen draußen sehen ihn manchmal in einem großen alten Buch lesen. Eines Tages liest er in diesem Buch von Jesus und denkt bei sich: Wenn Jesus jetzt bei mir anklopfen würde, hätte ich ja gar nichts für ihn… Ihm fallen dann aber die winzigen Schuhe ein, die er mal hergestellt hat. Ganz oben im Regal stehen sie. Als vor dem Fenster der Nebel immer dichter wird, hört er eine Stimme: „Morgen komme ich zu dir; pass gut auf, dass du mich erkennst!“

Schlafen kann Martin in dieser Nacht nicht! Die ganze Zeit schaut er immer wieder zur Straße. Da ist der alte Straßenkehrer; nach einigem Zögern lädt er ihn zu einem heißen Tee ein. Etwas später fällt sein Blick auf eine zerlumpte junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Er bittet sie zu etwas Brot und Milch an den warmen Herd; und da fällt sein Blick auf die kleinen nackten Füße des Kindes… Und er holt den Kasten vom Regal... Er wartet und schaut raus, schaut nach draußen und wartet. Zwischendurch rennt er fast panisch raus und schaut um sich, grüßt den einen oder anderen. Und als es dunkel wird, zündet er traurig seine Öllampe an und greift wieder zu dem alten Buch.

„Entweder ist Jesus vorbeigegangen; oder es war doch nur ein Traum!“ denkt er. Da ist ihm, als wäre er nicht länger allein im Raum, als zögen all die Menschen durch die Werkstatt, die er an dem Tag getroffen hat. – Und dann die Stimmen all dieser vorbeiziehenden Menschen: "Hast du mich nicht erkannt? Hast du mich wirklich nicht erkannt, Vater Martin?" „Sagt mir, wer ihr seid!" ruft der alte Schuster. Und dann? Dieselbe Stimme wie in der Nacht zuvor: "Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. - Wo immer du heute einem Menschen geholfen hast, da hast du mir geholfen!"  -  Dann war alles wieder still.

"Kinder, Kinder!" murmelt Vater Martin leise und kratzt sich am Kopf. "Dann ist er also doch gekommen! Dann hat Jesus mich tatsächlich besucht!" Er lächelt, und seine Augen zwinkern fröhlich hinter der kleinen Brille.

Hast du mich nicht erkannt?

Ein kurzer Bibelabschnitt ist uns für heute nahegelegt, den wir eben schon als Lesung gehört haben. Doch noch einmal, so kurz, wie er ist (Hebräer 13, 1 – 3):

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Und ich stelle daneben die Endzeitrede Jesu, in der er zwei Gruppen einander gegenüberstellt… Doch, STOPP! Wenn ich zwei Gruppen am Ende aller Zeiten nebeneinander zu stellen hätte, was würde ich wohl als Überschriften wählen? „Die Rechtgläubigen und die Ungläubigen“? „Die Frommen und die Atheisten“? Oder „Rechte und Linke“? Oder oder oder? …

Jesus macht das ganz anders und erstaunt schon seine besten Freunde und seine schärfsten Kritiker vor 2000 Jahren. Er sagt in  Matthäus 25, 31-46 (und das klingt auffallend nach Vater Martin – finden Sie nicht?):

31 »Wenn (aber) der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen; 32 alle Völker werden alsdann vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet; 33 und er wird die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen.

34 Dann wird der König zu denen auf seiner rechten Seite sagen: ›Kommt her, ihr von meinem Vater Gesegneten! Empfangt als euer Erbe das Königtum, das für euch seit Grundlegung der Welt bereitgehalten ist. 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gereicht; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt; 36 ich bin ohne Kleidung gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich habe im Gefängnis gelegen, und ihr seid zu mir gekommen.‹

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: ›Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Oder durstig und haben dir zu trinken gereicht? 38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt? Oder ohne Kleidung und haben dich bekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?‹ 40 Dann wird der König ihnen antworten: ›Wahrlich ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.‹

41 Alsdann wird er auch zu denen auf seiner linken Seite sagen: ›Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bereitet ist! 42 Denn ich bin hungrig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu trinken gereicht; 43 ich bin ein Fremdling gewesen, aber ihr habt mich nicht beherbergt; ohne Kleidung, aber ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis (habe ich gelegen), aber ihr habt mich nicht besucht.‹

44 Dann werden auch diese antworten: ›Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig, als einen Fremdling oder ohne Kleidung, wann krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient?‹ 45 Dann wird er ihnen zur Antwort geben: ›Wahrlich ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‹
46 Und diese werden in die ewige Strafe gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben.«

Und all meine evangelische Prägung, alles Studierte, Gelernte – mehr noch mein tiefstes Gottesverständnis regt sich in mir und fragt: „Ja, ist das denn nicht Werkgerechtigkeit, Gesetzlichkeit, diese schlimmste Gerichtsdrohung für die Untätigen, die doch einfach nur Gottes unverdiente Gnade empfangen müssten…?“

Es ist jedenfalls – wenn wir‘s denn so annehmen – ein Wort Jesu.

Und wer auch immer den Hebräerbrief verfasst hat – evtl. war es ja Paulus – er schreibt ganz am Ende noch ein PS oder vielleicht auch PPPPs „Was ich noch sagen wollte, bevor die Post abgeht“: ….

Ja, und dann geht da die Post ab! Und die angeschriebenen Gemeinden lesen und reiben sich die Augen. Da wird es praktisch. Und ich frage mich: Wieviel halte ich in dieser Zeit doch an Ritualen und Altvertrautem fest – aus Angst oder aus Überzeugung – oder aus beidem. Und dann geht die Post ab!

Bin ich das? Mache ich das? - Um andere Bibelstellen kann ich so gekonnt theoretisch und theologisch herumschiffen, dass ich selber kaum merke, wie weit ich mich von Jesus entfernt habe. Und nun, guter Paulus, ich gehe mal davon aus, dass du diesen anonymen Brief verfasst hast. Es würde zu dir passen: Nun schreibst du mir und uns ins Stammbuch, was dran ist. Vielleicht ja zu einer Zeit, die du dir in deinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen konntest. Du wusstest weder etwas von Viren, noch kanntest du die Eifel, noch hattest du je Leo Tolstoi lesen können oder die Kirchenverordnungen ach so landeskirchlich verfasster Kirche.

Aber – und da geht die Post ab – du wusstest etwas von Jesus. Nicht nur wusstest du um seine Worte und Taten. Du warst ihm begegnet. Er hat sich in deinem Leben zu Wort gemeldet, Dein Leben noch einmal grundlegend infrage gestellt – als Du eigentlich schon zu alt für so etwas Neues warst!

Und, Ihr (Sie) Lieben, ich bin weit davon entfernt, diese Monate als willkommene Chance für ein Umdenken zu begrüßen. (Wie das manchmal zu hören ist!) Ich wünschte mir sehr, wir könnten nah beieinander, unter festen Dächern miteinander feiern und laut singen.

Aber ich bin durch Freunde, durch diese Zeiten und auch durch diese Zeilen neu sensibilisiert worden, hinzuschauen und hinzuhören, neu hinzuschauen und neu hinzuhören. Und ich weiß gar nicht, ob ich das kann. Und ich weiß gar nicht, ob ich das will. Aber ich komme nach diesen Versen nicht mehr darum herum zu wissen, was ER will – und worum es IHM geht. Es ist weder philosophisch umkränzt noch hochtheologisch verschlungen, wenn wir da lesen und hören:

„Wenn jemand dich braucht – wenn Jesus in diesem JEMAND dich baucht – sei da (und natürlich schwingt da ein wenig auch mit: Wenn du jemanden brauchst - ich will dafür sorgen, dass dann jemand FÜR DICH da ist).

Ich denke an spontane und geplante Gastfreundschaft, die mir in den vergangenen Wochen begegnet ist. Ich denke auch an Gast-freundschaft, die ich vielleicht ja – in all dem und eben doch – noch ganz anders hätte gewähren können. Ich frage mich neu und vor-sichtig kritisch: Ist das alles in geschwisterlicher Liebe geschehen, was ich da gedacht, gesagt, gemacht habe – (teilweise) unter dem Deckmantel von Amt und Pandemie und Höflichkeit und Korrektheit?

Und ich muss dann noch an die kleine Gruppe denken, die seit vielen vielen Jahren einmal die Woche in Wittlich ins Gefängnis geht…

Muss ich noch viel sagen? Ich will es an dieser Stelle jedenfalls nicht! Es wären ja doch meine Worte, wo es um seine Worte geht. Und es ist doch so klar, wie es nicht klarer sein könnte. Es hat eine Verheißung, wie sie schöner kaum sein könnte: ENGEL ZU GAST! –

Ich lese es vor dem Kanzelsegen einfach noch ein drittes Mal – es ist ja so knackig kurz:

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle eure Vernunft, der bewahre eure Herzen uns Sinne in Christus Jesus, dem Gekreuzigten und Auferweckten und Gegenwärtigen! (Amen)

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Open Doors unterstützt verfolgte Christen mit Selbsthilfe-Projekten, Literatur, Schulung von Leitern, hilft Gefangenen und den Familien ermordeter Christen. 

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Familie Schmid ging vor über 1 1/2 Jahren als Missionare nach Taiwan um einheimische Pastoren auszubilden.

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