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15. August 2020 Online-Predigt

zum 10. Sonntag nach Trinitatis

- Israelsonntag -

Von SYBILLE FRERES, Prädikantin (Evangelische Kirchengemeinde Bitburg)

Prädikantin Sybille Freres

Predigttext     Markus-Evangelium 12, 28 - 34
Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: »Welches ist das wichtigste von allen Geboten?« Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!‹ An zweiter Stelle steht das Gebot: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.« »Sehr gut, Meister!«, meinte darauf der Schriftgelehrte. »Es ist wirklich so, wie du sagst: Gott allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm. Und ihn zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und seine Mitmenschen zu lieben wie sich selbst ist viel mehr wert als alle Brandopfer und alle übrigen Opfer.« Jesus sah, mit welcher Einsicht der Mann geantwortet hatte, und sagte zu ihm: »Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.« Von da an wagte niemand mehr, Jesus eine Frage zu stellen.
Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

der Abschnitt aus dem Markus-Evangelium, den Sie gerade gelesen haben– das ist so eines der Filetstücke des Neuen Testaments– das sogenannte „Doppelgebot der Liebe“ - oft gelesen, oft gehört, oft bepredigt. Eigentlich doch alles klar: Gott lieben – eine Selbstverständlichkeit für einen Christen. Den Nächsten lieben - eine christliche Kardinaltugend. Also: Alles klar.  Wozu noch eine Predigt?
Nun, ich möchte mit Ihnen diesen Text einmal auf das hin anschauen, was da nicht! steht. Und ich möchte Ihnen mit einem dreifachen „Nein“ und einem „Ja, aber“ kommen.

Zum 1.
Jesus verurteilt in diesem Abschnitt den Egoismus und rückt die Nächstenliebe dem gegenüber in den Vordergrund

Stimmt: Nein - und nein.

In unserem Text steht etwas von Selbstliebe, nicht von Egoismus. Und das ist doch ein Unterschied. Egoismus, das bedeutet: nur mich selber, meine Interessen, mein Ansehen, mein Einkommen usw. in den Mittelpunkt meines Tun und Lassens zu stellen. Und die Interessen anderer beiseiteschieben und mit Füßen treten – wenn ich sie überhaupt wahrnehme. Der Egoist, die Egoistin kreist um sich selber, wie der Mond um die Erde oder die Mücke um die Glühbirne.

Das ist in der Tat ein Verhalten, das Jesus als falsch beurteilt. Aber er spricht in unserem Text nicht von Egoismus, sondern von Selbstliebe.

Selbstliebe heißt, mich selber anzunehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Mich nicht immer als zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu dumm, zu vorlaut oder als sonst etwas anzusehen, nur weil mir das als Kind Eltern, Lehrer oder Mitschüler so eingeimpft haben. Sondern mich so anzunehmen, wie Gott mich geschaffen hat – und auch, deshalb für mich, meine Gesundheit, mein Auskommen und meine Lieben zu sorgen.
Und dieses „sich selber lieben“ setzt Jesus ganz offensichtlich als ganz selbstverständlich, als zutiefst menschlich voraus, als etwas, was unser Maßstab sein kann und soll. Ja, es ist dafür sogar notwendig, sich selber zu lieben – denn wer sich selber hasst und verurteilt, wie kann diese Person andere Menschen lieben?

Und deinen Nächsten wie dich selbst- das heißt dann:
Mein Ich ist nicht mehr das Zentrum meiner menschlichen Beziehungspflege, sondern in dem Maße, in genau demselben Maße, in dem ich mich selber annehme, nehme ich andere an.
Mit dem Engagement, mit dem ich mein Wohlergehen und das meiner Lieben verfolge, mit dem Elan, mit dem ich meine politische Meinung vertrete, bin ich aufgefordert, mich für den oder diejenige einsetzen, den oder die mir Gott vor die Füße stellt. Das ist weit mehr, als andere Meinungen neben der eigenen stehen zu lassen. Sonst wäre dieses Gebot nichts anderes als eine andere Formulierung des Sprichworts: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Nein, Jesus spricht hier von einer aktiven Ausgewogenheit, einer Waage, die in Balance ist zwischen mir und meinem Nächsten rechts und links. Diese Balance ist schwer – das Gewicht der Waage wird sich oft verschieben –auch dann, wenn ich mich unwillig knurrend und dabei innerlich die Zähne zusammenbeißend um andere kümmere. Und wenn ich die Augen vor den Problemen des Nächsten zumache und dabei genau spüre, was ich gerade tue und sie noch fester zukneife, dann kann ich es spüren: da kommt die Waage aus dem Gleichgewicht, dann sind die Maße ungleich. Und so schieben wir uns oft schlingernd auf diesem Waagebalken hin und her.
Aber Jesus sagt uns hier auch: Ich muss eigentlich gar nicht darüber nachdenken, wieviel Liebe es braucht, sondern nur in mich selber und in meine Bedürfnisse hineinhorchen – und das auf andere übertragen. Wir, ganz persönlich, sind gefragt – nach unserem Maß der Liebe – ganz egal, ob mein Nächster das ganz genauso macht und sieht und befolgt.

In einer jüdischen Geschichte heißt es: Ein Rabbi fragte seine Schüler, wann der Tag beginnen würde. Der erste fragte: „Beginnt der Tag, wenn ich von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ – „Nein“, sagte der Rabbi. „Dann beginnt der Tag, wenn ich von weitem einen Dattelbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann“, sagte der zweite Schüler. Der erntete wieder ein Nein. Aber wann beginnt der Tag?“, fragten die Schüler. Der Rabbi antwortete: „Der Tag beginnt, wenn Du in das Gesicht eines Menschen blickst und darin Deine Schwester oder Deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Und deshalb kann da bei uns auch kein Platz sein z.B. für das Verweigern von Anordnungen, die uns und andere in dieser Zeit schützen, aber auch nicht für Ausgrenzung, für Fremdenfeindlichkeit und  nicht für Antisemitismus – also eine Ablehnung der Menschen jüdischen Glaubens, die doch wie wir diese Gebote Gottes befolgen wollen, von denen Jesus, der Jude, hier spricht. Das verbindet uns unverbrüchlich- egal, was die Schreier auf den Strassen und die Hetzer im Internet von sich geben.

Zum 2.
Zugegeben, das mit dem „meinem Nächsten wie mich selbst“ lieben ist schwer – aber Gott zu lieben, das ist doch für einen Christen keine Herausforderung.

Stimmt? Nein.

Denn da steht: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!

Mich ununterbrochen ausstrecken hin zu dem, der mich geschaffen hat und so gut kennt.

Und das von ganzem Herzen – und was mache ich so oft? Das kann man doch nur als halbherzig bezeichnen – mindestens die andere Hälfte des Herzens gehört die meiste Zeit meinen Zielen.
Mit ganzer Hingabe – nicht 35 oder wenn es hochkommt 60% - ganze Hingabe.
Mit meinem ganzen Verstand – und der sagt mir doch so oft etwas ganz anderes. Dass Gott das, was da in seinem Wort, der Bibel steht, doch wohl nicht so meinen kann. Mein Verstand will mir erklären, dass Gott ein bestimmtes Verhalten nicht von mir verlangt, wenn alle anderen das doch für unzeitgemäß erklären. Zumindest ein Teil meines Verstandes will ganz anderen klugen Köpfen, Wissenschaftlern oder Politikern nachfolgen, aber nicht Gott.

Gott lieben mit all meiner Kraft – mit allem, was ich einsetzen kann, mit allem Nachdruck, mit aller Entschlossenheit, mit aller Hingabe, die in mir ist. Mache ich das? Auch nur einen einzigen Tag, 24 h lang? Oder auch nur 60 min am Stück? Oder 30 – so lang wie diesen Gottesdienst? Selbst da fällt es uns doch oft schwer, alles andere auszublenden, was unseren Verstand, unsere Kraft, unsere Hingabe fordert.
Aber manchmal- mag sein, in einem Gottesdienst, mag sein im stillen Gebet zuhause, mag sein im Garten in der Stille eines ruhigen Sommernachmittages – da kann es geschehen, dass ich Gottes Gegenwart spüre, dass seine vollkommene Liebe und seine Allmacht mich mit einem Moment erfüllen – und dann spüre ich einen Herzschlag, einen Wimpernschlag lang, dass ich Gott von ganzem Herzen und all meiner Kraft liebe – und dieser Erfahrung versuchen wir dann, nachzuspüren, nachzuleben – weil es Erfüllung bedeutet.

Zum 3.
Es ist zu schwer – in diesem Umfang Gott und meinen Nächsten lieben – immer und unter allen Umständen – das kann ich nicht, das werde ich nie schaffen.

Stimmt? Ja.

Aber: Gott weiß das. Er weiß um meine und Ihre Un-Fähigkeiten. Er hat uns Gebote gegeben, keine Verurteilungen im Versagensfall. Es sind gute Anleitungen, eine perfekte Wegbeschreibung zum Ziel, ein Navi, das uns nie in die Irre führt. Jesus hat uns mit seiner uneingeschränkten Liebe zu den Menschen und seiner uneingeschränkten Liebe und Hingabe zum himmlischen Vater vorgelebt, wie das in Vollendung aussieht. Er war der Einzige, der die Gebote in ihrer ganzen Tiefe erfüllt hat. An seiner Hand und im Wissen um seine Erlösungstat für uns können wir das uns so unerreichbar Scheinende immer wieder angehen – den Weg immer wieder neu suchen, der uns zu unserem Nächsten und gleichzeitig näher zu Gott führt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als als unser Begreifen, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

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Herzlichen Dank für die Unterstützung.

Gruß

Ihre/eure  Sybille Freres

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