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21. November 2021 Predigt

Von SYBILLE FRERES, Prädikantin (Evangelische Kirchengemeinde Bitburg)Bild Sybille Freres

Evangelium    Matthäus 25, 1-13

Wenn der Menschensohn kommt, wird es in seinem himmlischen Reich sein wie bei zehn Brautjungfern, die bei einer Hochzeit dem Bräutigam mit ihren Lampen entgegengingen. Fünf von ihnen verhielten sich klug, die anderen waren leichtfertig und dumm. Die klugen Mädchen hatten sich nämlich vorher mit ausreichend Öl für ihre Lampen versorgt. Die anderen fünf dachten überhaupt nicht daran, einen Vorrat an Öl mitzunehmen. Als sich die Ankunft des Bräutigams verzögerte, wurden sie alle müde und schliefen ein.  Plötzlich um Mitternacht wurden sie mit dem Ruf geweckt: ›Der Bräutigam kommt! Geht und begrüßt ihn!‹ Da sprangen die Mädchen auf und bereiteten ihre Lampen vor. Die fünf, die nicht genügend Öl hatten, baten die anderen: ›Gebt uns etwas von eurem Öl! Unsere Lampen gehen aus.‹ Aber die Klugen antworteten: ›Das können wir nicht. Unser Öl reicht gerade für uns selbst. Geht doch zu einem Händler und kauft euch welches!‹ Da gingen sie los. In der Zwischenzeit kam der Bräutigam, und die Mädchen, die darauf vorbereitet waren, begleiteten ihn in den Festsaal. Dann wurde die Tür verschlossen.  Später kamen auch die fünf anderen. Sie standen draußen und riefen: ›Herr, mach uns doch die Tür auf!‹ Aber er erwiderte: ›Was wollt ihr denn? Ich kenne euch nicht!‹ Deshalb seid wachsam und haltet euch bereit! Denn ihr wisst weder an welchem Tag noch zu welchem Zeitpunkt der Menschensohn kommen wird.«

Predigttext     Jesaja 65, Vers 17-19 + 23-25

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.  Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

„Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“ - was für ein Satz!  So verheißungsvoll, so strahlend wie ein mit Kristallen dekorierter Leuchter, in dem sich das Licht spiegelt und bricht – so hell, dass man die ganze Düsternis des Novembers und der so gedrückt geprägten Sonntage am Ende des Kirchenjahres gleich hinter sich lassen und direkt zum Licht des Advents übergehen möchte.

Oder ist es für Sie ganz anders?  Einen neuen Himmel und eine neue Erde – was für ein Satz!  Das klingt beängstigend, das nimmt mir alle Sicherheit – was weiß ich, wie das sein wird? Was jetzt ist, das kenne ich, damit kann ich umgehen – aber alles neu? Alles vertraute weg? Das macht mir Angst!

Und wenn wir ehrlich sind – dieser verheißungsvolle Satz vom neuen Himmel, also von der Ewigkeit – das hat doch eine unausweichliche Voraussetzung – unseren Tod! Also eher keine Freude?
Haben wir etwa bei unserer Sicht auf diesen Sonntag nur die Wahl zwischen schwarzer Drohpädagogik unserer Sterblichkeit oder einem ewigkeitsselig verkleisterten „Alles wird gut“- Blick?
An diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr – dem Sonntag mit den zwei Namen- Totensonntag und Ewigkeitssonntag- stehen wir in  diesem Spagat, bewegen wir uns in einem Spannungsbogen zwischen Freude und Angst, zwischen Trauer und Verlust einerseits und Hoffnung und Trost andererseits. Und egal, welchen Namen wir wählen – beide wiegen schwer, beide haben Gewicht – oder legen uns Gewicht auf.

Als Jugendliche und weit ins Erwachsenenalter hinein habe ich das Ende des Kirchenjahres fast gehasst - trist und öde: erst Volkstrauertag – in meiner Jugend noch deutlich betonter gefeiert als heute, dann Buß- und Bettag und dann eben dieser letzte Sonntag des Kirchenjahres. Nicht nur, dass nichts los war, da sogenannter „stiller Feiertag“—auch die Predigttexte in der Kirche waren entsprechend – es ging ums Sterben, um Sünde und Buße, ums Jüngste Gericht und die Ewigkeit – damals wie heutzutage.

Totensonntag - vielen Menschen geht es da so wie mir früher – sie wollen auch in der Kirche nichts vom Tod hören - das Leben fällt schwer genug, sagen sie, wir brauchen Zuversicht, Lebensfreude – die soll uns auch der Gottesdienst vermitteln – auch an diesem Sonntag. Und auch im alltäglichen Leben soll der Tod möglichst keine Erwähnung finden, sondern außerhalb der täglichen Tretmühle ist Erholung und Unterhaltung angesagt- ohne Leid, ohne Tod, ohne Nachdenken über eigene Schuld, ohne Umkehr von eingetretenen Pfaden. Und das ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern einfach als Feststellung einer Tatsache – und je nach Verfassung und äußeren Umständen gehört jeder und jede von uns auch immer wieder zu dieser Gruppe dazu- tageweise, stundenweise, manchmal auch jahrelang. Wahrscheinlich ist dieses nicht-wahrnehmen-Wollen des Todes auch ein Eingeständnis der Tatsache, dass wir nicht alles selber in der Hand haben – und das gefällt uns nicht. Manchmal ist es auch das Verdrängen der Tatsache, dass Jugend nicht vor Tod schützt oder dass wir alters- oder krankheitsbedingt unserem statistischen Lebensende schon recht nahegerückt sind. Das macht Angst und die wollen wir nicht.                                                

Ich glaube, viele Menschen in unserem reichen und wohl geordneten Deutschland haben erst im vorigen Jahr beim Anblick der schier unbegreiflichen Mengen von Särgen in New York und Bergamo begriffen, wie kostbar und doch so angreifbar unser Leben ist- und dass der Tod nichts ist, was noch ganz weit weg ist. Und diese Einsicht ist notwendig – selbst wenn sie erst einmal verängstigt oder verunsichert.  Notwendig – also Not abwendend – die Not der Blindheit, die Not der Verdrängung – hin zur Erkenntnis, zur Klugheit.

Vielleicht kennen Sie die Psalmworte: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Klug wozu?
Wir sollen klug dazu werden, mit Gott zu leben.  Wir sollen klug dazu werden, Jesu Liebe anzunehmen und weiterzugeben. Klug dazu, alles als Geschenk zu erkennen und sich daran zu freuen, was ist und nicht zu grollen, was nicht ist.
Dem Tod so voller Angst entgegenzusehen- oder ihm eben nicht entgegenzusehen, sondern die Augen zu verschließen, davon ist hier nicht die Rede. Das Gedenken an den Tod – es kann die Dinge wieder ins richtige Gleichgewicht bringen- das Verhältnis zwischen Geschöpf und Schöpfer, das Verhältnis zwischen unserer Zerbrechlichkeit und Gottes liebevoller Hand, die sich uns entgegenstreckt. Denn eigentlich wissen wir es doch und bekennen und feiern es jedes Jahr wieder an Ostern - Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen – Jesu Sieg über den Tod, den hat er ja nicht für sich, sondern für uns errungen.  Unsere Angst – der hat er die Begründung entzogen.

Und im Wissen um diesen Sieg und gleichzeitig im Wissen um die menschliche Zerbrechlichkeit ist es auch gut, der Toten zu gedenken. Es ist richtig und wichtig, dass wir einen Tag haben, an dem wir uns noch einmal Menschen vor Augen stellen, die wir kannten, Menschen, die uns etwas bedeuteten, Menschen, die unsere Glaubensüberzeugungen teilten, die vielleicht neben uns in der Kirchenbank gesessen haben, als wir noch eng beieinandersitzen durften. Wir erinnern sie und ihr Leben, was sie für uns und ihre Angehörigen bedeutet haben, wo sie sich vielleicht in dieser Gemeinde eingebracht haben. Wir dürfen ihnen noch einmal danken, wir dürfen uns an ihre liebenswerten oder auch manchmal schrulligen Eigenheiten erinnern, wir dürfen zugeben, dass sie fehlen, wir dürfen trauern, wenn es noch so frisch ist oder uns noch so frisch vorkommt, weil es noch so schmerzt. Wir dürfen und sollen zugeben, dass wir sie nicht hergeben wollten, dass wir sie festgehalten hätten, wenn wir gekonnt hätten, dass wir manchmal erst loslassen konnten, weil ein Weiterleben für sie eine Verlängerung von Leid und Qual bedeutet hätte.  Aber wenn wir darauf vertrauen, dass wir sie im Loslassen in Gottes Hand gegeben haben, die er ihnen entgegengestreckt hat- die er auch uns einmal entgegenstrecken wird- dann kann Totensonntag heißen: von der Angst zum Trost gehen.

Und wenn ich nun aber vom Ewigkeitssonntag rede – was mache ich da mit meiner zweiten Angst, nachdem ich vielleicht die Angst vor dem Tod an Jesus abgeben konnte – was hilft gegen meine Angst vor dem, was beim Wort Ewigkeit doch immer mitschwingt, was davorgesetzt ist: das Letzte, das Jüngste, das Ewige Gericht?  Ist die berühmte Frage Martin Luthers „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ nicht letzten Endes Teil unserer Frage: Wie schaffe ich es, dass Gott mir in diesem letzten Gericht gnädig ist? Denn es wird ein Gericht geben, davon spricht Jesus an mehreren Stellen – wie zum Bespiel in dem Text von den 12 Jungfrauen, den Sie als Evangelium lesen konnten – die Unvorbereiteten werden draußen, im Finsteren bleiben müssen. Aber ist es nicht auch ein deutliches Zeichen seiner Liebe, dass Gott, dass Jesus uns das so unüberhörbar ankündigt und uns nicht unvorbereitet sozusagen ins Messer laufen lässt? Wir haben Vorbereitungszeit – wie die klugen jungen Frauen - unser ganzes Leben. Und diese Vorbereitung, die besteht nun mal nicht darin, eine Sammlung sogenannter „guter Taten“ anzulegen.  Denn was wollten wir da anführen? Wer von uns kann behaupten, dass er auch nur in einem Jahr seines Lebens nicht gegen Gottes gute Vorschläge für unsere Lebensgestaltung verstoßen hat – und dazu gehört bekanntlich nicht nur unser Tun, sondern auch unsere Worte und Gedanken. Wer von uns hat es eine Woche lang geschafft? Ich nicht.  Manchmal, da haben wir einen Tag, an dem wir eine Ahnung bekommen, wie es sein soll. Nein, es geht nicht darum, was wir getan haben, sondern was Christus für uns getan hat – und dass wir uns im Glauben daran an ihn klammern, ihm vertrauen – und aus diesem Vertrauen heraus dann nach seinem Wort leben. Paulus hat es in seinem Brief an die Gemeinde in Rom so auf den Punkt gebracht:

„Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Doch werden sie allein durch seine Gnade ohne eigene Leistung gerecht gesprochen, und zwar aufgrund der Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.“

Alle– also auch wir - sind Sünder. Und aus diesem Status kann uns nur eines und Einer herausholen- Jesus Christus. Zu ihm zu gehen, bei ihm zu bleiben und mit dankbarem und staunendem Herzen das Geschenk der Vergebung anzunehmen- das Geschenk, dass uns aus Gnade und Liebe heraus gemacht wird - das ist der einzig gangbare Weg zu Ihm, den wir kennen- in unserem Leben hier auf der Erde und auf dem Weg zum Richtertisch.

Denn Christus will, dass wir zu Ihm kommen können. Deshalb hat er uns versprochen, dass wir in diesem Gericht den besten Strafverteidiger an unserer Seite haben werden, den es geben kann – nämlich Ihn selber, den Sohn des Richters. Er hat uns und allen, die in Ihm ihren Erlöser anerkennen, die Begnadigung in dieser Gerichtsverhandlung zugesagt – weil Er die Strafe schon längst abgebüßt hat. „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel“ – das ist sein großes Versprechen, an dem wir uns festhalten können.  Jesus sehnt sich nach uns, er will, dass seine Schwestern und Brüder, zu denen er uns erklärt hat, mit Ihm die Herrlichkeit seines ewigen Königreiches teilen. Nicht umsonst heißt dieser Sonntag bei unseren katholischen Glaubensgeschwistern „Christkönigs-Fest“. Jesus ist König – jetzt und in Ewigkeit! Und wir sollen dabei sein- jetzt und in Ewigkeit. Was für ein Versprechen, auf das wir in unserem Leben zugehen! Wir dürfen es glauben, also darauf vertrauen. Und in diesem Vertrauen ganz bewusst im Hier und Jetzt leben: Fallen – und aufstehen, weil Jesus mich an der Hand hält. Und an seiner Hand tun und sagen und denken, was richtig ist für unsere Mitmenschen und für uns selber, Gottes Willen.

Leben wir also so getröstet das Leben, das uns geschenkt ist – und gehen ebenso getrost dem entgegen, was Jesaja uns beschrieben hat:

„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.“

Jesus hat es präzisiert- nachzulesen im Johannesevangelium:
„Vater, Du hast deinem Sohn die Macht über alle Menschen anvertraut, damit er denen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt.“

„Ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen nämlich meine Herrlichkeit sehen können, die du mir gegeben hast, weil du mich liebtest – schon vor der Gründung dieser Welt.“

„In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?“

Ich habe in den vier Jahren seit meiner Ordination erst eine Beerdigung geleitet – und das war die Beisetzung einer Freundin, die mich zu Lebzeiten darum gebeten hatte. Und sie hatte dazugesagt: „und den Satz mit den Wohnungen, den hätte ich gerne – du weißt schon, welchen ich meine…“

Das hat es mir möglich gebracht, diese Beerdigung - wenn auch zeitweise unter Tränen – zu halten - das Wissen, dass sie zu Lebzeiten sicher gewesen war, dass eine dieser Wohnungen auf sie wartete, in der es weder Luftnot noch ein Sauerstoffgerät gab, sondern Frieden und Befreiung von körperlicher und psychischer Pein.

Diese Gewissheit der Befreiung und Vergebung, dieses feste Vertrauen auf Christi Liebe und seine Fähigkeit, mich umzuwandeln nach seinem Willen, das wünsche ich Ihnen und mir – jeden Tag unseres Lebens.

Amen.

Digitale Kollekte

Wenn Sie im Augenblick keinen öffentlichen Gottesdienste besuchen können oder möchten.
Sie aber etwas in die Kollekte für die verschiedensten Zwecke und Werke geben möchten, ist hier die Möglichkeit für die jeweiligen Tage dazu:

Herzlichen Dank für die Unterstützung.

Gruß

Ihre/eure  Sybille Freres

 

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