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19. September 2021 Predigt

Von SYBILLE FRERES, Prädikantin (Evangelische Kirchengemeinde Bitburg)Bild Sybille Freres

Predigttext     Klagelieder 3,22-26,31-32

Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.  Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

„Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu“ - Was für ein tröstlicher Satz. An diesem Satz halten sich unzählige Menschen seit Jahrhunderten fest. Manche haben sich in ihrem Leben daran festgeklammert wie ein Schiffbrüchiger an der letzten Planke, die im Wasser schwimmt. Der Glaube an Gottes unerschöpfliche Barmherzigkeit – das gehört doch zu unseren „Christlichen Grundwerten“, oder? Wenn im kirchlichen Zusammenhang von Barmherzigkeit die Rede ist, dann fällt uns doch vielleicht zuerst Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein. Oder auch die Seligpreisung: “Selig sind die Barmherzigen“. Aber haben Sie darauf geachtet, aus welchem biblischen Buch unser Predigttext stammt? Aus dem Alten Testament, aus den Klageliedern Jeremias, geschrieben etwa 500 vor Christi Geburt, in einer Zeit der Not während und nach der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung eines großen Teils der Bevölkerung. Der Verfasser kennt und spürt das Leid, vom dem er klagt, aber er weiß auch um Gottes Barmherzigkeit, setzt sein Vertrauen darauf, hält sich daran fest.
Wenn Jesus sagt - nachzulesen im Lukasevangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, dann setzt er ja voraus, dass seine Zuhörer um die Barmherzigkeit Gottes wissen! „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“ - Sie kennen diesen Satz, oder? Stammt aus? Psalm 103, Altes Testament. Sollte Ihnen also jemals jemand erzählen, der Gott des Alten Testaments sei der unbarmherzige Gott, dann halten Sie ihm diese Sätze entgegen.
Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende, sie ist jeden Morgen neu – jeden Morgen, egal, was gestern war. Neu, unverbraucht, nicht etwa der Rest, der von gestern noch übriggeblieben ist. Nein, wie ein immer wieder frisch aufgefüllter Vorratsbehälter, gefüllt bis an den Rand mit frischem Wasser. Davon kann ich mich aufrichten lassen- wie eine fast vertrocknete Pflanze sich wieder aufrichten kann, wenn sie gut gegossen wird. Davon kann ich meine innere Not lindern lassen, so wie kaltes Wasser eine Verbrennung lindert - meine Verzweiflung über mein Versagen, meine falsche Haltung Menschen und Gott gegenüber. Davon kann ich meinen brennenden Schmerz löschen lassen, den meine Lebenssituation, Schicksalsschläge und falsche Entscheidungen von mir und anderen ausgelöst haben. Darauf kann ich vertrauen.
Gottes Barmherzigkeit – wenn schon die Zeitgenossen des Verfassers eine Vorstellung davon hatten und darauf vertrauten – wieviel mehr können wir es! Wir nennen Christus unseren Herrn, unseren Erlöser. Wir kennen und glauben an die menschgewordene Barmherzigkeit des Vaters, der sich ganz tief zu seien Geschöpfen herabbeugt und einer der ihren wird. Jesus ist die Konkretion der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Durch ihn wissen wir, wie ein barmherziger Gott spricht und handelt und empfindet: So wie Jesus, denn, so sagt er: „Wer mich kennt, kennt den Vater.“ Und als er in sein Reich zurückgeht, verspricht er, die Seinen nicht alleine zurückzulassen, sondern ihnen seinen Geist als Führer und Ratgeber zu geben. Die Menschen nicht alleine lassen – Barmherzigkeit.
Uns Menschen die Schuld vergeben, alles wegnehmen, was uns von Gott trennt, in dem er selber alles auf sich nimmt und sich hinrichten lässt – die Nacht unserer Schuld durch einen immer wieder neuen Morgen ablösen- wieviel mehr Erbarmen kann es geben?
Der Erweis, die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit ganz konkret in unserem Leben – der wird bei jedem Menschen ganz anders aussehen, sich anders anfühlen – manchmal mag es nur eine ferne Ahnung, ein innerlich Angerührt - werden sein – und manchmal eine ganz greifbare, mein Leben verändernde Erfahrung. Aber wenn ich meine Antennen auf ihn ausrichte, dann kann ich begreifen, was da geschieht- Erbarmen.

Ja, Gottes Barmherzigkeit, nach der sehnen wir uns, denn aus dieser Barmherzigkeit heraus hilft er, hört er, sieht er uns. „Denn der HERR ist freundlich dem Menschen, der nach ihm fragt.“- so heißt es in unserem Predigttext. Seine Hilfe, die wollen und brauchen wir - und am besten sofort und immer verfügbar! Wie so vieles andere, um das wir bitten. Und dann stellt sich uns der zweite Kernsatz unseres Textes in den Weg: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein“. Geduld - eine nicht sehr weit verbreitete menschliche Tugend. Heute, in unserer schnelllebigen und reizüberflutenden und überfluteten Welt voller Aufgaben, die gleichzeitig nach mir rufen, noch weniger als in früheren Zeiten. Geduld, die können wir aufbringen, wenn wir etwas hinbekommen wollen – ein Puzzle, eine kniffelige Handwerkerarbeit, ein schwieriges Strickmuster – Sie wissen von sich selber, wann Sie geduldig sein können.  Ich von mir auch. Aber in anderen Situationen fällt es mir schwer, geduldig zu sein.  Dann nämlich, wenn es darum geht, etwas zu erledigen, etwas zu erkunden oder in Ordnung zu bringen. Da will ich, dass es schnell geht, dass die Dinge vom Tisch und geklärt sind, dass ich weiß, dass alles klappt. Und wenn ich es nicht selber direkt erledigen kann, da laufe ich Gefahr – und mit mir wohl jeder Mensch, dem es genauso geht, dass ich versuche, unbedingt einen anderen, eigenen Weg durchzuziehen. Gar nicht auf die Idee komme, zu warten, ob Gott vielleicht einen anderen Vorschlag haben könnte. Und manchmal endet mein Weg dann vor der Wand. Und manchmal sehe ich erst dann vor mir, was da steht, was angesagt ist:  geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Und zwar nicht verzweifelt hoffen, weil mir nichts anderes übrig bleibt – oder resigniert die Hände in den Schoß legen und warten, was passiert – oder gar resignieren und die Hilfe Gottes eigentlich gar nicht mehr erwarten, sondern in der festen Zuversicht auf Erfolg bleiben. Denn da steht: Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Auf Gott harren- mir gefällt dieses Wort, auch wenn es nicht mehr sehr gebräuchlich ist. Denn harren ist mehr als warten. Harren, das steckt doch auch in „verharren“ – also regungslos, aber voll konzentriert stehen bleiben – und in „beharrlich“, im Dranbleiben an etwas. Es steckt in „ausharren“- also dem Nicht- Wegducken, sondern bewusst in der Situation bleiben.

Harren, das ist etwas Aktives, das ist Erwartung, das ist gespanntes und zuversichtliches Entgegensehen. Der Hilfe des Herrn entgegensehen- die er uns voller Güte und väterlich/mütterlicher liebevoller Zuwendung zugesagt hat. Dem Menschen, der nach Ihm fragt.  Und das kann ganz verschieden sein. Das kann das immer wieder und wieder mit Gott reden sein – also Beten, vielleicht sogar „Beten ohne Unterlass“, wie Paulus es nennt. Und manchmal kann es sein, dass wir einfach Gott die Dinge in die Hand geben – und selber aus der Hand geben – und voller Hoffnung erwarten, womit er unsere Hände neu füllen wird, mit geistlich gespitzten Ohren.
Und das ist eben, wie unser Text es nennt: „ein köstlich Ding“, also etwas Gutes, etwas sehr Gutes.  Es kann unser Vertrauen stärken, unser Glaube kann dabei wachsen, wenn wir dieses unbedingte Warten und Erwarten einüben.

Aber manchmal ist das mit dem Harren wirklich nicht so einfach: wenn meine Not groß ist, die Verzweiflung mir die Luft zum Atmen abschnürt, meine Angst wie eine Riesenwelle über meinem Kopf zusammenschlägt und ich nicht weiß, wie ich da wieder herauskommen soll. Dann Harren? Dann Warten und Hoffen? Ja, auch dann, sagt unser Text – und vielleicht gerade dann. Ich erinnere noch einmal daran, wann und welcher Situation er geschrieben worden ist. Klagelieder heißt das Buch – und manchmal eben können auch wir ein Kapitel davon schreiben mit unserer Klage und unserem Leid. Aber der Verfasser ist sich sicher: Gott sieht Ihn. Gott sieht dich. Hört dich. Weiß um deine Verzweiflung.  Er wendet sich dir zu – er wendet die Situation - manchmal nicht so, wie wir es uns das vorgestellt habe, aber immer gut. Oft besser. Jesus hat einmal gesagt: Der Vater im Himmel weiß, was ihr braucht. Gerade dann, wenn es alles so schrecklich und vielleicht sogar aussichtslos aussieht, dann-  Harren auf Gott. Denn manchmal habe ich nichts und niemanden mehr sonst, der noch helfen kann. Und wer einmal in einer solchen Situation war, der versteht, wovon ich rede, wenn ich sage: gerade in einer solchen Situation, da ist das sich auf-Gott-verlassen, das sich auf Gott verlassen können, sich an ihm festklammern können  wirklich ein „köstlich Ding“ – denn im Vertrauen, im Gott-alles in die Hand- legen- daraus kann mir Trost kommen, innere Ruhe mitten im Sturm. Ich weiß, ich werde gesehen, gehört und gehalten.
Das gilt in unserem Leben – und das gilt für unser Sterben. Wir haben Jesu große Zusage, den endgültigen, den dann für uns letzten Erweis seiner Barmherzigkeit: dass mit unserem Tod nicht alles aus sein wird, sondern uns beim himmlischen Vater die Wohnungen erwarten, die Jesus versprochen hat, für uns vorzubereiten. Auch das liegt bereits im Eingangssatz unseres Textes verborgen: „Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind“.  Niemals – nicht im Leben und nicht im Sterben.
Denn Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu.

Und der Friede Gottes, der all unser Verstehen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus, unserem lebendigen Herrn.

Amen.

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Herzlichen Dank für die Unterstützung.

Gruß

Ihre/eure  Sybille Freres

 

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