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02. Januar 2022 Predigt

Von SYBILLE FRERES, Prädikantin (Evangelische Kirchengemeinde Bitburg)Bild Sybille Freres

Evangelium    Jesaja 49, 13 - 16

Jubelt, ihr Himmel, jauchze, du Erde! Ihr Berge, brecht in Jubel aus! Denn Jahwe hat sein Volk getröstet, sich seiner Gebeugten erbarmt. Zion sagt: "Jahwe hat mich verlassen, vergessen hat mich der Herr!"
"Kann eine Frau denn ihren Säugling vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen könnte, ich vergesse dich nie!  In beide Handflächen habe ich dich eingraviert,  deine Mauern stehen immer vor mir.

Predigttext     Lukas 2, 25-38

25 Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. 26 Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: 29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; 30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, 31 das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, 32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. 33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – 35 und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden. 36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt 37 und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. 38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

der erste der Texte, über die ich mit Ihnen nachdenken möchte, ist der oben abgedruckte Text aus dem Alten Testament (Jes.49).

Seien wir doch ehrlich: bekommen wir das zur Zeit denn hin, das mit dem Jauchzen? Denn wenn schon die Himmel und die Berge jauchzen sollen, dann doch wahrscheinlich wir erst recht, oder?

Wenn wir die Nachrichtesendungen hören oder sehen, die Zeitung aufschlagen oder die News auf dem Smartphone checken- da ist seit Wochen und Monaten nichts zum Jauchzen dabei.  Weihnachten liegt seit einer guten Woche hinter uns, und auch da fiel das Jauchzen schwer – mancher Besuch konnte oder wollte nicht kommen, der Gang in den Gottesdienst war bei vielen mit Bedenken belastet.  Und wenn der Jubel der Engel über die Menschwerdung Gottes es doch geschafft hat, durch den Panzer der Beklemmung durchzustoßen bis zu unseren Herzen - spätestens zum Jahreswechsel vor zwei Tagen hat uns der Alltag doch wieder eingeholt. Das große Feuerwerk fiel schon wieder aus. Manchem war beim Anstoßen um Mitternacht eng ums Herz, weil ein lieber Mensch nie mehr wird mitfeiern können – oder weil die Umstände das Geld so knapp gemacht haben.

Konnten und können wir da jauchzen? Wie sollen wir durch all die dicken Schichten aus Angst und Wut, aus Verzweiflung und Erschöpfung und Ungeduld noch zum Kern vorstoßen und den Grund wieder entdecken, warum wir uns so sehr freuen sollen?

Gerade am Beginn dieses Jahres, für das uns noch einiges Schwere prognostiziert worden ist, berühren mich in unserem Text zwei ganz andere Sätze als der bekannte Eingangssatz vom Jubeln. Zuerst dieser: „Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ Getröstet werden… Was können wir im Moment besser brauchen als Trost?  Ist nicht Erbarmen von außerhalb unseres begrenzten Einflussbereiches - also aus Gottes Sphäre her – genau das, wonach wir uns sehnen? Wie müssen es nicht machen, wir müssen uns nicht den Trost selber suchen oder schaffen – wir bekommen ihn geschenkt – weil wir gebeugt und niedergedrückt sind, weil wir Lasten tragen. Weil wir trostbedürftig sind. Und dann der andere Satz: „Selbst wenn sie – die Mutter - ihren Säugling vergessen könnte, ich vergesse dich nie!“  Nie! Egal was kommt, egal was passiert. Nie! Ist dieser Satz nicht wie ein göttliches In-den Arm-genommen-werden? Da offenbart sich Gottes ganze Mutterliebe, weit vor der Zeit von Jesu Geburt – eine Liebe, die auch die – leider immer wieder vorkommende - menschliche Erfahrung übertrifft, dass nämlich ein Kind verstoßen wird. Oft haben Menschen, die aus Elternhäusern mit Prügeln und Liebesentzug kommen, Probleme mit der Vorstellung eines himmlischen Vaters, einer himmlischen Mutter, weil sie mit dem Wort Vater oder Mutter so schlimme Erlebnisse verbinden. Diese Bibelstelle könnten ihnen vielleicht helfen, der göttlichen Mutter/Vaterliebe näherzukommen… Getröstet und in den Arm genommen wie ein Kind – da kann ich zur Ruhe kommen, da kann ich Frieden finden. In diesem Moment des Getröstet-Werdens, in dem Moment der Zuwendung - da ist eben kein Raum für lauten Jubel, da ist sich still im Herzen freuen dran - ein ganz kleiner Jubel darf aufkeimen, eine kleine Kerzenflamme im Herzen aufglimmen und vorsichtig größer werden.

„Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ Dieser Text und andere Stellen aus dem Alten Testament haben durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch gottgläubige Menschen getröstet und gehalten.

Und wir, die wir ja im Gegensatz zu Jesaja wissen, wie der prophezeite Trost, wie Gottes Erbarmen konkrete Gestalt in Gottes Sohn angenommen hat - wieviel mehr kann uns dieser Predigttext trösten, wenn wir ihn gedanklich mit der Erfüllung ergänzen!

Gott kam und kommt zu uns. Er macht alles mit, was ein Menschenleben ausmacht. Geburt, Leben und Tod. Gott hat sein Wort gehalten – auch wir Heutigen sind nicht vergessen. Das uralte Jesajawort hat Gültigkeit – als erfüllte Vorhersage.

Jesus ist gekommen – das Wort ward Fleisch.
Und der Jubel - wird lauter.

Und doch – so regt sich das allzu Menschliche in uns - auch wenn der Tannenbaum noch steht und die Krippe- ist am Beginn eines neuen Jahres doch nur noch so wenig Weihnachten und so viel Alltag in mir! Was kommt? Was wird? Und da findet der Text aus dem Lukasevangelium seinen Platz – ein Text, der im Alltag der Familie von Josef, dem Zimmermann aus Nazareth, verortet ist. Denn der Alltag ist für die kleine Familie - Maria, Josef und das Kind - schon wieder eingekehrt. Die Anbetung der Hirten, der Besuch der Drei Weisen, sie sind schon wieder fast unwirklich geworden in den knapp sieben Wochen, die seit der Geburt verstrichen waren - denn nach dieser Zeitspanne ging man in den Tempel zur rituellen Reinigung der Mutter und zum Opfern für den erstgeborenen Sohn. Eine Situation im religiösen Alltag, aber es ist nicht im Geringsten alltäglich, was dann kommt.  Haben Sie ihn noch in Erinnerung,  diesen Satz: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen“? Das, worauf Simeon inständig gewartet hat, worauf er seine ganze Hoffnung gesetzt hat, ist erfüllt: Gott hat sein Wort gehalten. Was wir uns immer wieder sagen müssen, wird ihm offenbart:  Der versprochene Messias ist da, und er, Simeon, hat ihn mit eigenen Augen gesehen. Gott schenkt ihm, in diesem Säugling den Erlöser der Welt zu erkennen. Wir wissen nicht, wie alt Simeon wirklich war, wie lange er schon gewartet hatte – er wird immer als hochbetagter Greis dargestellt, aber es steht nirgends genaueres. Ich stelle mir immer vor, dass vielleicht noch Jahre seines Lebens vor ihm gelegen haben und er sie vielleicht auch tatsächlich noch erlebt hat.  Davon wird nichts erzählt, sondern nur eines: Es ist ihm nicht mehr wichtig. Die Jahre des Wartens, vielleicht der Enttäuschung und Entbehrung, sie sind jetzt egal. Denn er hat das Ziel seines Lebens erreicht. Diese Erfüllung seiner Sehnsucht, diese Freude, diese tiefe innere Freude, die aus diesen Worten spricht, das berührt mich immer wieder. „Meine Augen haben den Heiland gesehen.“

Und ich frage mich: Wann und wo haben meine Augen den Heiland gesehen? Ihn erkannt in seinem Wort, im Gebet, in einem anderen Menschen? Wann zum ersten Mal in meinem Leben? Und wann das letzte Mal? Spüre ich noch die tiefe Freude, den Trost, das Gefühl des Geborgenseins – den Jubel?  Und deshalb will ich mich, egal, wie lange es her ist – viele Wochen oder erst wenige Tage – wieder aufmachen, ihn zu sehen. Meinen Heiland. Ihn, der uns doch immer sieht. Und ich kann zum Kind in der Krippe gehen und staunend die Liebe annehmen, aus der heraus Gott wegen uns, wegen mir, seinen Himmel verlässt und Mensch wird. Kann zum Mann am Kreuz gehen und ihm die Last meiner Schuld übergeben, weil er auch die am Kreuz tragen will – dem Kreuz, an das er für uns, für mich, gegangen ist. Kann zum auferweckten und in sein Reich zurückgekehrten Christus gehen, der mit uns, mit mir leben will und mir Leben in alle Ewigkeit schenken will.
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns – und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“- der, über den Johannes das sagt, wartet auf uns. Denn wir sind ihm wichtig. Das Wort aus dem Jesajatext: „In beide Handflächen habe ich dich eingraviert“ ist bei ihm Wahrheit geworden ist – in den Nägelmalen in seinen Händen stehen wir, Sie und ich, eingraviert. Wir sind Jesus nie aus dem Sinn gekommen. Wir, unsere Namen, unsere Sorgen, unser Leben stehen in seine Hände eingraviert – denn dafür ist er gekommen – die Sorgen zu nehmen und das Leben zu geben.  „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ – dieses Wort steht als Jahreslosung über jedem Tag dieses neuen Jahres - und natürlich genauso über jedem Tag unsers Lebens. Was für eine Einladung, was für ein Versprechen! Egal was ist, wir sollen und können und dürfen uns wieder und immer wieder neu auf den Weg machen zu Ihm. Sollen unseren Heiland erkennen und seine Herrschaft in und über mein Leben wieder neu für mich annehmen und bekräftigen.  Bei Ihm können wir unsere Monate und Jahre der Enttäuschung, der Entbehrung, der Verzweiflung und der Perspektivlosigkeit ablegen und getröstet in dieses Jahr gehen – und zuversichtlich und vertrauensvoll dem Jubel in uns Raum geben, bis wir in den Chor der Schöpfung einstimmen können.
Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden - und unsere Augen haben den Heiland gesehen. Wer zu ihm kommt, den wird er nicht abweisen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen und gegenwärtigen Herrn.

Amen.

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Herzlichen Dank für die Unterstützung.

Gruß

Ihre/eure  Sybille Freres

 

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