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"Rahab"

Eine weibliche Stimme aus dem Gefolge von Jesu
©2022 Friedrich Gasper

Wenn man den Bericht von Lukas so liest, könnte man meinen, dass unter dem Gefolge von Jesus nur wenige Frauen waren. Aber obwohl Lukas nur drei von uns namentlich erwähnt, waren wir doch wesentlich mehr. Und nicht jede von uns ist zu Jesus gekommen, weil er, wie zum Beispiel bei Maria Magdalena, Johanna und Susanne,  böse Geister bei uns ausgetrieben hatte. Bei mir lief das ganz anders und am Anfang alles andere als glatt. Davon will ich Euch erzählen.

Ich wurde in Tabgha am See Genezareth geboren. Meine Eltern gaben mir den Namen Rahab. Warum sie das taten, konnte ich sie leider nicht mehr fragen, weil sie, als ich gerade einmal 3 Jahre alt war, in einem Sturm auf dem See ertrunken sind. Gottseidank kümmerte sich mein Onkel Josua um mich. Er war ein gütiger und frommer Mann. Durch ihn blieb mir das traurige Schicksal vieler verarmter Waisen erspart. Onkel Josua war nicht verheiratet und hatte auch keine Kinder. So machte er meine Ausbildung zu seiner Lebensaufgabe. Er brachte mir alles bei, was man zur Führung eines Haushaltes braucht. Außerdem  lernte ich von ihm Lesen und Schreiben und er nahm mich am Sabbat auch immer mit in die Synagoge, damit ich die Lesungen aus der Schrift hören konnte. Da legte er, im Gegensatz zu anderen älteren Gemeindemitgliedern, großen Wert drauf, dass auch Frauen eine gute Ausbildung erhielten. Weil wir Frauen in der Synagoge immer etwas abseits sitzen mussten kam es vor, dass ich die Schriftlesung und die Erklärung dazu oft nicht ganz verstanden habe. Onkel Josua nahm sich dann  zu Hause Zeit mir alles zu erklären. Dabei betrachtete er die Auslegungen der ultrakonservativen Pharisäer durchaus kritisch. Was Onkel Josua mir aber nicht erklären konnte war, warum ich Rahab hieß. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wieso mir das so wichtig war. Mit dem Namen werden ja oft auch Charaktereigenschaften verbunden. Für meinen Namen gibt es zwei sehr unterschiedliche Deutungen. Einige böswillige spitze Zungen sagen, dass Rahab ein Spitzname für Dirnen sei und sich von  bēt rāḥāb, „Dirnenhaus“ ableitet. Im Talmud wird der Name aber von rḥb sich weiten, sich auftun abgeleitet. So hat es jedenfalls Onkel Josua erklärt. Ich war mir aber nicht sicher, ob der liebe Onkel dass nur gesagt um mich zu trösten. Bei dieser unklaren Deutung des Namens wollte in der ganzen Gegend keine junge heranwachsende Frau so heißen. Ich war die einzige, die so hieß. Niemand sagte was dazu, aber dem einen oder anderen konnte man schon ansehen, was er dachte. Wenn es sich dabei auch noch um Jungs handelte, war das besonders peinlich für eine 14-jährige junge Frau.

Ungefähr um diese Zeit tauchte in Galiläa eine neue Lehre auf. Ein junger Rabbi aus Nazareth verkündete, dass das Reich Gottes nahe sei und dass man nicht hinein kommt, wenn man nicht mehr tut, als die 673 Gesetze und Vorschriften buchstabengetreu zu erfüllen, ohne deren wirklichen Sinn verstanden zu haben. Mir ist vor allem im Gedächtnis geblieben was Jesus, so hieß der junge Rabbi, über die Nächstenliebe gesagt hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ Onkel Josua war ebenso begeistert von der neuen Lehre. Deshalb zögerte er auch keinen Augenblick, als eines Tages zwei junge Männer vor unserer Tür standen und um unsere Gastfreundschaft baten. Er nahm Jakobus und Johannes, so hießen die beiden Jünger von Jesus mit Freuden auf. Die beiden waren gewaltige Prediger und diskutierten abends noch stundenlang mit Onkel Josua und mir was sie tagsüber in der Synagoge verkündet hatten. Von ihnen erfuhr ich auch, dass Jesus kein Problem damit hatte, dass Frauen zu seinen Schülerinnen gehörten. Im Gegenteil, er ermutigte sie geradezu sich in den Kreis seiner Jünger zu setzen. Als Beispiel nannten sie Maria, die Schwester von Lazarus.
Alles war gut und schön bis auf zu dem Tag, als Jakobus in einer Ansprache an das Volk verkündete, dass ein Glaube ohne Werke tot sei wie ein Leib ohne Geist. Als Beispiel führte er Abraham an, der bereit war Gott seinen Sohn Isaak zu opfern. Soweit konnte ich das alles noch verstehen, doch dann fiel der Satz: „ Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch die Werke gerecht geworden, da sie die Boten aufnahm und ließ sie einen andern Weg hinaus?“ Alle sahen mich an. Ich wurde leichenblass und fiel in Ohnmacht. Dem guten Jakobus wurde erst durch meine entsetzte Reaktion bewusst, was er da gesagt hatte. Er beeilte sich damit zu erklären, dass ich auf gar keinen Fall gemeint war. Das Beispiel bezog sich vielmehr auf die Hure Rahab, die vor fast tausend Jahren, als die Israeliten Jericho eroberten, eine wichtige Rolle spielte.
Ich war aber, als wir am Abend wieder beisammen saßen, immer noch niedergeschlagen und traurig. Jakobus schlug deshalb vor, dass wir gemeinsam die Geschichte im Buch Josua Kapitel 2 lesen sollten. Mein Onkel war begeistert. Er liebte das Buch, das über seinen Urahnen von damals berichtet.

Josua, der Sohn des Nun, war in Schittim und schickte von dort zwei Kundschafter los. Sie bekamen den geheimen Auftrag: „Geht, schaut euch in dem Land um, besonders in der Stadt Jericho!“

Onkel Josua erklärte begeistert, dass Josua nicht zum ersten Mal an dieser Stelle stand. Vierzig Jahre früher war er schon einmal da und wurde selbst von Moses zusammen mit elf anderen als Kundschafter ausgeschickt. Damals endete die Mission in einem Debakel. Nur Josua und Kaleb berichteten, dass die Israeliten gute Chancen hätten das Land zu erobern. Die anderen zehn erzählten wahre Schauermärchen über die Stärke der Bewohner. Die Israeliten wurden dadurch so in Angst versetzt, dass sie unverrichteter Dinge wieder ab zogen. Gott strafte sie für mangelndes Vertrauen damit, dass sie vierzig Jahre ziellos in der Wüste umherirrten bis von dieser Schar nur noch Kaleb und Josua übrig waren. Hier unterbrachen Jakobus und Johannes den Redefluss meines Onkels und forderten mich zum Weiterlesen auf.

Da gingen sie los und kamen zu dem Haus einer Frau, die eine Hure war und Rahab hieß. Dort kamen sie unter. Doch der König von Jericho erfuhr davon: „Siehe, in der Nacht sind Männer hierhergekommen, Israeliten, die das Land ausspionieren wollen.“ Da ließ der König von Jericho Rahab ausrichten: „Gib die Männer heraus, die in deinem Haus untergekommen sind! Die sind doch nur gekommen, um das ganze Land auszuspionieren!“
Daraufhin nahm die Frau die beiden Männer und versteckte sie. Dem König aber antwortete sie: „Ja, die Männer sind zu mir gekommen. Ich weiß aber nicht woher. Bevor es dunkel geworden ist und das Stadttor geschlossen werden sollte, sind die Männer wieder gegangen. Ich weiß auch nicht, wohin sie gegangen sind. Schnell, lauft ihnen hinterher, dann könnt ihr sie noch einholen!“ Sie hatte die Männer aber auf das flache Dach gebracht, wo Flachs zum Trocknen ausgebreitet war. Unter dem Flachs versteckte sie die Männer.7Inzwischen hatte man auf der Straße zum Jordan die Verfolgung aufgenommen. Man wollte sie noch vor den Übergängen erreichen. Das Stadttor aber wurde geschlossen, nachdem die Verfolger hinausgegangen waren.

Ich vermutete: „Die Frau muss wohl eine Ahnung von Gott gehabt haben, sonst wäre sie so ein Risiko bestimmt nicht eingegangen.“ Onkel Josua meinte, dass wir mehr darüber erfahren, wenn wir weiterlesen und fing auch gleich an:

Die Frau stieg auf das Dach hinauf, bevor sich die Kundschafter schlafen legten. Sie sagte zu den Männern: „Ich weiß, dass der Herr euch das Land gegeben hat. Uns alle hat die Angst vor euch überfallen. Die Bewohner des Landes zittern vor euch. Denn wir haben davon gehört, was der Herr für euch getan hat: Er legte das Schilfmeer trocken, sodass ihr aus Ägypten ausziehen konntet. Auch wissen wir, was jenseits des Jordan geschah: Die beiden Amoriterkönige  Sihon und Oghabt habt ihr ganz und gar vernichtet. Als wir es hörten, verloren wir allen Mut. Unser Widerstand war gebrochen. Denn der Herr, euer Gott, ist Gott, oben im Himmel und unten auf der Erde. So schwört mir nun beim Herrn, dass ihr meiner Familie die Treue haltet. Denn ich habe euch ja meine Treue erwiesen. Gebt mir ein sicheres Zeichen, dass mein Vater und meine Mutter am Leben bleiben, mein Bruder und meine Schwester mit ihren Familien. Rettet uns vor dem Tod!“ Da sagten die Männer zu ihr: „Wir bürgen für euer Leben mit unserem eigenen, wenn ihr unsere Sache nicht verratet. Das versprechen wir dir: Wenn der Herr uns das Land gibt, werden wir dir auch unsere Treue erweisen.“
Daraufhin ließ sie die Männer an einem Seil durch das Fenster hinab. Denn ihr Haus war in die Stadtmauer eingebaut, sie wohnte sozusagen in der Stadtmauer. Dabei sagte sie zu ihnen: „Geht zuerst ins Gebirge, damit die Verfolger euch nicht finden. Versteckt euch dort drei Tage lang, bis die Verfolger zurückgekehrt sind. Danach könnt ihr sicher euren Weg gehen. Die Männer sagten zu ihr: „Wir stellen dir noch eine Bedingung, damit der Schwur gilt, den du uns hast schwören lassen. Wenn wir in das Land zurückkommen, musst du Folgendes tun: Befestige diese rote Schnur an dem Fenster, durch das du uns hinabgelassen hast. Dann nimm alle in dein Haus auf, deinen Vater, deine Mutter, deine Geschwister und wer sonst noch zur Familie gehört. Wer dann noch durch die Haustür hinausgeht, ist selbst für seinen Tod verantwortlich. Wir haben daran keine Schuld. Wer jedoch bei dir im Haus bleibt, für den sind wir verantwortlich. Es wird ihm nichts geschehen. Solltest du aber unsere Sache verraten, sind wir nicht mehr an den Schwur gebunden, den du uns hast schwören lassen.“ Da sagte sie: „Es gilt, was ihr gesagt habt!“ Sie schickte sie weg, und sie gingen fort. Dann befestigte sie die rote Schnur am Fenster.
Sie gingen also fort und kamen ins Gebirge. Dort blieben sie drei Tage lang, bis die Verfolger heimgekehrt waren. Die Verfolger hatten den ganzen Weg abgesucht, sie aber nicht gefunden. Da machten sich die beiden Männer auf den Rückweg. Sie stiegen vom Gebirge herab, zogen über den Jordanund kamen zu Josua, dem Sohn des Nun. Dann erzählten sie ihm alles, was sie erlebt hatten. Sie sagten zu Josua: „Der Herr hat das ganze Land in unsere Gewalt gegeben, und alle Bewohner des Landes zittern vor uns.“

Es war schon spät geworden und Johannes entging nicht, dass ich müde wurde. Deshalb fasste er den Rest der Geschichte, soweit es Rahab betraf, kurz zusammen.

Die Isareliten eroberten mit Gottes Hilfe Jericho ohne Schwierigkeiten und alle Bewohner bis auf Rahab und ihre Familie kamen um. Die Sippe Rahabs aber erhielt lebenslanges Bleiberecht in Israel. Später heiratete Rahab einen Israeliten namens Salmon. Sie wurde die Mutter von Boas, der Urgroßvater von König David wurde.

Onkel Josua meinte dann: „ Wem Gott Gnade erweist, dem gibt weit mehr als man erwartet. So ging es auch Rahab. Vielleicht haben deine Eltern an diese Geschichte gedacht, als sie dich Rahab nannten.“ Beruhigt und zufrieden ging ich ins Bett und träumte von meiner Urahnin Rahab. Sie stand auf der Mauer von Jericho und segnete mich: „Der Herr segne ich und behüte dich, so wie er mich gesegnet und behütet hat. Er eröffne dir auch weite Räume in deinem Leben, so wie er mir einen neuen weiten Raum für ein Leben in Israel geschenkt hat.“

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