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Geschichte

Die Gustav-Adolf-Kapelle
Die Gemeinde in Bitburg
Die Reformation in der Eifel
Als Nachbarn freundschaftlich verbunden - Aus der Pfarrchronik der Pfarrgemeinde St. Peter

Die Gustav-Adolf-Kapelle

Grundsteinlegung der ersten evangelischen Kirche in Bitburg

Aus der Chronik unserer Gemeinde vom 11. April 1875

Die Verfügung des Consistoriums der Rheinprovinz. In 1872 wird dem Presbyterium mitgeteilt:


Lageplan

Hiermit wird beschlossen, die Legung des Grundsteins zu der neuen Kirche am 15. dieses Jahres vorzunehmen. Daorts soll der Pfarrvikar eine Rede halten, die Urkunde verlesen, darauf Herrn Superintendent Klein aus Trier die Weihe vollziehen und dann die Mitglieder des Kirchenvorstandes der Reihe nach unter Zitieren von passenden Bibelsprüchen, 3 Hammerschlägen thun.

In den Grundstein soll gelegt werden:

  1. Die Urkunde in folgender Fassung:
    "Im Jahre des Heils 1875 am 15.4. unter dem glorreichen Wilhelm des I. des siegreichen Kaisers von Deutschland und Königs von Preußen, unter der Superintendentur Klein und in Gegenwart des Pfarrers von Trier wird von dem unterzeichneten Kirchenvorstand der Grundstein zu dieser ersten ev. Kirche des Kreises Bitburg gelegt. Die Pläne zu derselben sind von dem hiesigen königlichen Kreisbaumeister Krone entworfen unter dessen Leitung der Maurermeister Kronibus aus Kyllburg den Bau ausführen wird. Die ev. Gemeinde Bitburg, z.Zt. 148 Seelen zählend, die über den ganzen Kreis zerstreut sind, ist im Jahre 1854 gegründet worden. Früher von den Pfr. von Prüm verwaltet, erhielten damals die Evangelischen auf ihr Ansuchen vom königlichen Presbyterum in Koblenz einen Pfarrvirkar dessen Gehalt zum großen Theile von Gütern, Orten, Vereinen und dem ev. Oberkirchenrath zu Berlin bestritten wird. Ihren Gottesdienst hielten sie im Saale des Friedensgerichts. Nach dem Verlassen dieses Lokales und der Anbetung Gottes in einem würdigen Raume sehnte sich schon längst die Gemeinde. Um der Erfüllung dieses Wunsches näherzukommen, richtete 1873 der Pfarr-Vikar Wilber an verschiedene ev. Kirchenvorstände des preußischen Staates die Bitte um Gewährung eines kleinen Beitrages aus der Kirchenkasse zum Bau eines neuen Kirchleins. Auf der Verwendung des königlichen Landraths Borchert bewilligte in demselben Jahre der Oberpräsident eine Haus-Kollekte unter den Evangelischen der Rheinprovinz bei deren Erhebung mehrere Gemeindeglieder Verdienste erwerben. Die G.A. Vereine steuerten namhafte Summen bei. Endlich bewilligte die hiesige Stadtgemeinde, ein schönes Beispiel von Toleranz, uns dem Hospital zugehörigen Bauplatz von 201 Ruthen zu dem äußerst geringen Preis von 12,-- R-Mark pro Quadrat-Ruthe und schenkte uns einen beträchtlichen Theil des Bauholzes aus dem Gemeindewald. So fehlen denn heute beim Beginn des Baus nach dem Kostenanschlag nur ca. 2.400,-- R-Mark.
    Eine Bitte ist an seine Majestät unserm Kaiser abgegangen, auf welche wir diesen Rest als Gnadengeschenk zu erlangen hoffen. Mit Vertrauen auf Gottes gnädigen Beistand beginnen wir nun ihm ein Haus zu bauen, als ein Denkmal seiner Treue, als ein Zeugnis der Liebe unserer christlichen Brüder. Möge an dieser Stätte immer das Gotteswort lauter und rein gepredigt und die Sakramente nach Einsetzung gespendet werden."

    • Ein Exemplar des Bitburger Kreisblattes mit den Markt- und Landangelegenheiten der Stadt Trier

    • Ein dito der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung mit der lutherischen Enzylica des Papstes.

    • Eine Köllnische Zeitung mit der Eingabe der deutschen Bischöfe und der Antwort des Ministeriums

    • Ein Siegesthaler von 1871 und neue Münzen bis 1 Mark. Der Grund-und Denkstein liegt unter der Thürschwelle rechts.

Unterschrift: Simon, Pfarr-Vikar, Krone, Borchert, Semmelbroth, Schrader

Pfarrhaus, Gustav-Adolf-Kapelle und Landwirtschaftsschule

Innenansicht

Die Gemeinde erhielt in der Tat ein großzügiges Geldgeschenk vom Kaiser, das den Kirchenvorstand zu folgendem Dankschreiben veranlaßte:


Wilhelm I. von Preußen

" An seine Mayestät den Kaiser und König!
Allerdurchlauchtigster, großmächtigster Kaiser!
Allergnädigster Kaiser, König und Herr!
Eure Majestät!

Den innigsten tiefgefühlten Dank auszusprechen für die huldvolle Gewährung des allergnädigst verliehenen Geschenkes von 2000 Mark zum Neubau unserer Kirche fühlt sich der unterzeichnete Kirchenvorstand im Herzen gedrungen, durch ewige Majestät Güte fühlt sich die Gemeinde von der erdrückenden Schuldenlast befreit und sendet in dem neuen Gotteshaus heiße Gebete zum Himmel empor, daß Gott der Herr Eurer Majestät noch viele Jahre hindurch zum Segen des Landes die hohen Güter erhalten möge, die er einst nach dem Könige Salomo verheißen und ewige Majestät bisher im reichen Maße verliehen hat.

Mit den Gefühlen tiefster Verehrung und Dankbarkeit verharrt Euer Majestät des kaiserlichen, königlichen Reiches.
Untertänigster Kirchenvorstand der Evangelischen Gemeinde Bitburg, den 1. März 1877
So beschlossen und unterschrieben: Simon Barbert, Hermann Semmelbroth, Schrader"

 

Die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde in Bitburg

Das Bitburger Land stand immer im Grenzgebiet politischer Interessen und im Zeitalter konfessioneller Herrschaften stets unter katholischem Vorzeichen. Mitte des 14. Jahrhunderts zählte Bitburg zur Grafschaft (später Erzherzogtum) Luxemburg und ab 1443 zum Herzogtum Burgund. 1506 fiel die Stadt an die spanische, ab 1744 an die österreichische Niederlanden. 1792 stellte Napoleon Bitburg unter französische Verwaltung. Nach seiner Niederlage fiel 1815 dem Wiener Kongress die Neuordnung Europas zu. Das Bitburger Land wurde um den Preis der Anerkennung der Souveränität Sachsens durch Preußen zur preußischen Rheinprovinz. Diese deckt sich bis heute mit dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland von Emmerich bis Saarbrücken, welches durch die vier Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland Pfalz, Hessen und dem Saarland führt.

In einer komplett katholisch geprägten Region wie dem Bitburger Land wurden nun evangelische Beamte Preußens wie Gendarmen, Gefängnisaufseher, Forstbeamte, Gerichtsvollzieher und Landräte usw. entsandt in einer Zeit, in der konfessionelle Zugehörigkeiten für das kommunale Leben noch eine viel größere Rolle spielten als heute.

Wurde das evangelische Gemeindeleben anfänglich von Trier mitversorgt (anfallende Beerdigungen wurden bisweilen von katholischen Geistlichen vorgenommen), so trat die Evangelische Gemeinde Prüm ab 1828 an diese Stelle. Die Evangelischen des Bitburger Landes wurden dann 1850 nach Prüm eingemeindet. 1852/53 schickte der Rheinische Provinzialausschuss Wanderprediger zur Erforschung der "evangelischen Lage" in das Gebiet. Inzwischen war die ev. Gemeinde auf 110 Mitglieder angewachsen. Ein Antrag auf die Entsendung eines Vikars folgte. Nach einer evangelischen Gemeindeversammlung 1854 erfolgte 1855 mit der Einführung des 1. Vikars Rehorn der erste Schritt zur Selbstständigkeit, wenn man auch noch weiterhin auf den finanziellen Beitrag des "Vereins zur Unterstützung ev. Gemeinden in der Diaspora" von 1832 angewiesen bleibt. Die Einführung von Vikar Rehorn fand durch Pfr. Kiefer aus Prüm im damaligen Friedensgericht in Bitburg statt, wo auch in Zukunft die Gottesdienste abgehalten wurden. Erst 1867 wird ein Haus in der Obersten Gasse in Bitburg ersteigert, das die Wohnung des Vikars sowie Versammlungsmöglichkeit für die Gemeinde ermöglicht. Anfang 1872 wurde auf Anraten des Landrates und Presbyters Borchert der Bau einer Kirche in Bitburg beschlossen, nicht zuletzt, um eigenständige Pfarrgemeinde werden zu können. Wegen der geringen eigenen Mittel wandte man sich mit Massenpetitionen an die Kirchenvorstände von Westen nach Osten. Hier kamen etwa 2.700.- Mk. zusammen. Am 11.Mai 1873 verließ Vikar Wieben, der sich um Spenden für den Kirchbau bemüht hatte, Bitburg und Vikar Simon folgte. Zu dieser Zeit zählten 148 Seelen zur Ev. Gemeinde Bitburg. Die von Landrat Borchert beantragte Haus-Kollekte innerhalb der ganzen Rheinprovinz wurde jetzt bewilligt und brachte immerhin einen Betrag von 11.100.- Mk. zusammen. Auch der Gustav-Adolf-Verein leistete namhafte Beiträge. Der katholische geprägte Stadtrat von Bitburg überließ in der Provinzialstraße Trier-Aachen (heute Trierer Str.) sehr preiswert einen Bauplatz (2.412.- Mk.) und schenkte noch Bauholz aus dem Gemeindewald dazu. Der königliche Kreisbaumeister Krone entwarf kostenlos einen Bauplan für eine einfach im gotischen Stil gehaltene Kirche, die spätere Gustav-Adolf-Kapelle.

Am 15.April 1875 wurde der Grundstein zum Bau der Gustav-Adolf-Kapelle (erster ev. Kirchbau im Umkreis von 4 Meilen) in Anwesenheit nicht nur evangelischer, sondern auch vieler katholischer Gemeindeglieder sowie Stadträte gelegt. Nach einem letzten Gottesdienst im vormaligen Betsaale, gehalten durch Pfr. Kißling, Prüm, zog man in einem Umzug zur Gustav-Adolf-Kapelle. Dort erfolgte an jenem 28.Oktober 1875 die feierliche Einweihung der Kirche in Bitburg durch Generalsuperintendent Dr. Eberts. Im Gottesdienst wirkte schon damals in einem ökumenischen Sinne ein Chor aus evangelischen und katholischen Sängern. Eine Urkunde, eine Norddeutsche Allgemeine Zeitung, ein Bitburger Kreisblatt, eine Köllnische Zeitung und ein Siegesthaler von 1871 und andere Münzen bis eine Mark wurden dem Grundstein der Kirche unter der obersten Türschwelle rechts beigefügt. Im heutigen Grundstein von 1952 ist einiges von diesen Gegenständen immer noch vorhanden. Ein Geschenk von 2.000.- Mk. des Königs und 2.000.- Mk. vom Landrat Borchert taten ihr übriges zur endgültigen Finanzierung der Kirche bis 1876. Die erste Orgel war von den Gebrüdern Stumm gebaut worden. Der Kirchenneubau in Bitburg zeigt ein einfaches dreiachsiges Langhaus mit einem eingezogenen fünfseitigen Polygonalchor an der östlichen Schmalseite. Einen Kirchturm besaß das Gebäude nicht. Zur Aufnahme der Glocke diente ein Dachreiter über dem Eingang an der Westseite der Kirche. Das aufgehende Mauerwerk bestand aus Eifeler Bruchsteinen. Im Innern der Kirche teilte ein Mittelgang das Gemeindegestühl aus geraden Querbänken in zwei Blöcke. Den Altar nahm die um zwei Altarstufen erhöhte Chorapsis auf. Die Kanzel stand 6 Stufen hoch seitlich am Triumphbogen. Über diesem stand aus 1.Joh. 5, 4: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." Über der Eingangstüre war eine Lutherrose zu finden. Ein Studienrat des St. Willibrord-Gymnasiums, Herr Ehrhard, hat in späteren Jahren die Bergpredigtszenerie aus Mt. 5 des lehrenden Jesus mit seinen Jüngern auf die Stirnseiten des Altarraumes gemalt.

Am 11.11.1876 wurde die Ev. Kirchengemeinde Bitburg dann zur eigenständigen Pfarrgemeinde erhoben. 1.September 1878 wechselt der erste Pfarrer der Gemeinde, Pfr. Simon, nach Monzingen a.d.Nahe. 1878 wurde auch die ev. Elementarschule aufgegeben. Am 1.1.1879 kommt Pfr. Knochenhauer, hält aber im November 1879 schon wieder seine Abschiedspredigt. Am 20.März 1880 wird Pfr. Klöppinger sein Nachfolger. Er stirbt jedoch im Urlaub 1882. Am 8.April 1883 wird dann Pfr. Mohr eingeführt, der eine besonders seelsorgerische Gabe hatte. Inzwischen gibt es in der Bitburger Gemeinde 220 Gemeindeglieder, 120 in Bitburg und 100 in Kyllburg, Neuerburg und in Bollendorf. Aufgrund der Feuchtigkeit in dem 1826 erbauten Haus in der Obersten Gasse entschließt man sich 1886 zum Neubau des Pfarrhauses. Im Sommer 1888 wurde dann u.a. mit bedeutender Hilfe von einer Hauskollekte bei evangelischen Bewohnern im Regierungsbezirk Trier - Aachen - Koblenz - Köln und zuletzt auch Düsseldorf mit 13.000.- RM schuldenfrei das neue Pfarrhaus neben der Gustav-Adolf-Kapelle nach Maßgabe des Architekten Wirtz aus Trier fertiggestellt, und zwar parallel zur Trierer Str. und getrennt von der Kirche. Das bisherige Haus in der Obersten Gasse wurde an den Brauereibesitzer Johann Schadeberg verkauft. Die Chronik verzeichnet zum neuen Pfarrhaus: "Kirche und Pfarrhaus hier auf luftiger Eifelhöhe rufen der Mitwelt, die sie baute und der Nachwelt, die sie schauen wird, laut zu: Wanderer, was du hier siehst, hat evangelischer Glaube und evangelische Liebe gegründet."

In den achtziger Jahren erfolgte auch der industrielle Aufschwung. Die gerade 1871 gebaute Eisenbahnlinie Trier - Köln brachte viele Urlauber in das landschaftlich reizvolle Kyllburg, einem der ersten Luftkurorte in der Eifel. Natürlich befanden sich auch zahlreiche evangelische Kurgäste darunter. Ab 1877 bzw 1885 fanden auch sporadisch ev. Gottesdienste in Kyllburg, Bollendorf und Neuerburg statt. Verschiedene ev. Beamtenfamilien waren dort ansässig geworden und hatten den Wunsch nach vermehrtem Gottesdienst geäußert.

Seit 1891 wurde in Kyllburg unter den Einheimischen wie auch den Kurgästen für eine Ev. Kapelle gesammelt. 1900 war es dann soweit: Nach der Grundsteinlegung am 6. Mai erfolgte am 16. September 1900 die feierliche Einweihung der Kapelle - mit Schwierigkeiten, weil der Schlüssel sich als falsch erwies. Unvorhergesehenerweise spielte aber eine Militärkapelle, weil gerade ein Manöver in der Nähe stattfand. Nach der Erkrankung des Bitburger Pfarrers Mohr 1911 kam ab 27.10.1912 ein Enkel Theodor Fliedners (Kaiserswerther Diakonissenanstalt Düsseldorf) Pfr. Wilhelm Fliedner in die Ev. Gemeinde Bitburg (1925 der spätere Superintendent des Kirchenkreises Trier).

Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges am 3. 8.1914 erfolgte schon am 30.8.1914 ein Presbyteriumsbeschluss, in den Sonntagspredigten die Kriegsereignisse vom "religiösen Standpunkt aus zu beleuchten". Am 25.3.1917 gab die Gemeinde aber doch freiwillig eine Kriegsanleihe von 1.000.- Mk., auf die 3 weitere folgten. Im Juli 1917 wurden Bitburger und Kyllburger Glocken beschlagnahmt und zu Kriegsgerät verarbeitet.

Nach dem Kriegsende 1918 wurde am 11.August 1919 in der Weimarer Republik die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Neben der Tatsache, dass die Landesherren ihre Macht verloren, waren diese auch nicht mehr für die Bestimmung der Konfession der Bevölkerung maßgebend. Durch die Ausweisung von Beamten im Ruhrkampf 1923 hat die Gemeinde Bitburg viele Gemeindeglieder verloren. Auch hatte die Besatzungszeit bis zum 1.Juli 1930 hier ihre schwächende Auswirkung.

Am 6.3.1921 bezog das Presbyterium gegen den Reichtagsbeschluss für Schwangerschaftsabrüche Stellung. Ab dem 20.11.1924 wurden per Beschluss Frauen zur Presbyterwahl zugelassen und 1926 wurde die erste Frau in den Kirchenvorstand gewählt. Zu dieser Zeit hatte die Gemeinde 270 Mitglieder.

1926 verließ Pfr. Fliedner als Superintendent die Gemeinde, ging nach Wittlich und Pfr. Wilhelm Ludwig Schmidt wurde am 12.12.1926 eingeführt.

1933 gelangten die Nationalsozialisten an die Macht und versuchten auch die Kirche nach dem Führerprinzip aufzubauen. Unter den "Deutschen Christen" sammelte sich die am 11.07.1934 durch eine neue Kirchenverfassung gegründete Reichskirche. 1934 schloss sich das Bitburger Presbyterium der Reichskirche an und wandte sich gegen die aus der Bekenntnissynode entstandene "Bekennende Kirche", deren Verhalten als "Rebellion" gekennzeichnet wurde (Protokolle 14,11. und 18.12.1934). Allerdings trat auch ein Presbyter mit der Begründung zurück, dass er das Führerprinzip in der Kirche ablehne. In den folgenden Jahren wurde die Lage der Kirche und ihr Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat immer wieder in Presbyteriumssitzungen besprochen. Welche Entwicklung dies in den Kriegsjahren nahm, lässt sich anhand der Presbyteriumsprotokollen nicht belegen, da die entsprechenden Unterlagen von April 1937 bis November 1949 (nicht) mehr vorhanden sind.

Am Heiligabend 1944 erfolgte durch den Britischen Fliegerangriff für Bitburg, aber auch für die Gustav-Adolf-Kapelle ein gravierender Einschnitt: Bitburg wurde zu 85% zerstört und zur toten Stadt erklärt und die Gustav-Adolf-Kapelle, wahrscheinlich schon mit dem Weihnachtsschmuck versehen, ging total verloren. Das Pfarrhaus wurde stark zerstört, aber erhalten gebliebene Teile in den Neubau von 1951 integriert. Unmittelbar nach dem Krieg gab es einen rapiden Zuzug von Zollbeamtenfamilien an der luxemburgischen Grenze, vor allem in Bollendorf und Roth, so dass ein Kraftwagen zur seelsorgerlichen und gottesdienstlichen Versorgung angeschafft wurde. Am 4.November 1949 verstarb unerwartet Pfr. Schmidt.

War bis zum 2. Weltkrieg die Zahl der Evangelischen moderat bis 300 angestiegen, so ließen die Auswirkungen des Krieges den Zuzug besonders durch Vertriebene auf etwa 1500, dann in den 60/70ger Jahren in Bitburg auf 800 und im Kreisgebiet auf 2000 ansteigen.

Am 7.Mai 1950 wurde Pfr. Schroer noch in der Krankenhauskapelle in Bitburg in sein Amt eingeführt. Er sorgte für einen zügigen Wiederaufbau zunächst des Pfarrhauses (1951) und dann der heutigen Kirche, die der Oberbaurat Heinrich Otto Vogel auf Wunsch der Gemeinde an das Pfarrhaus anfügte, und diese so durch den am Altarraum angegliederten Gemeinderaum für Festtage erweitert werden konnte. Am 28.September 1952 wurde die Kirche von dem damaligen Präses der Rheinischen Landeskirche eingeweiht. Präses D. Held überreichte auch die Altarbibel mit der Widmung aus Ps. 107,20: "Er sandte sein Wort und machte sie gesund und errettete sie."

Die drei Bronzeglocken im Gesamtgewicht von 590 kg wurden von der amerikanischen protestantischen Flugplatzgemeinde in einer großen Sammelaktion 1956 der Ev. Kirchengemeinde Bitburg geschenkt und von der Firma Mabilon Saarburg gegossen. Die Glocken sind mit den Inschriften versehen: "Presented by United States Air Force Protestant Christians to the Bitburg Protestant congregation in token of our prayers for everlasting unity ("...als Zeichen unserer Gebete für eine immerwährende Einheit im Glauben")

in FAITH

c-Glocke 280 kg

Erhalt uns Herr bei deinem Wort 
+ Evangelische Kirchengemeinde Bitburg 1956

in HOPE

d-Glocke 190 kg

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit 
+ Evangelische Kirchengemeinde Bitburg 1956

in LOVE

f-Glocke 120 kg

O Land, Land, Land höre des Herrn Wort 
+ Evangelische Kirchengemeinde Bitburg 1956

Die Orgel wurde 1957 von der Orgelfirma Förster und Nicolaus aus Lich (Hessen) erbaut und zum 30.Juni 1996 endlich gemäß dem Abnahmegutachten der EKiR vom 22.11.1957 klanglich verbessert.

Die Gemeinde hat in ihren Gottesdiensten in Bitburg die Botschaft des gekreuzigten Christus vor Augen. Das Altarbild des gekreuzigten Christus wurde von dem Künstler Mendgen aus Trier gemalt, mit der Besonderheit, dass die Nägel, historisch und anatomisch richtig, nicht durch die Handflächen, sondern durch die Handgelenke geschlagen sind. Der Goldhintergrund wurde von einem Wittlicher Künstler durch Auftragung von Goldplättchen auf das Holz geschaffen. Damals wurde das Bild für etwas über DM 1.000.- angefertigt.

Das Abendmahlsgerät stammt wohl noch aus den Zeiten der Gustav-Adolf-Kapelle, da Pfr. Schmidt zum Zeitpunkt des Bombenangriffes dieses für ein Abendmahl in Mötsch der Kirche entnommen hatte.

Ab 1952 dienten auch drei Katecheten der Gemeinde: Hanns Lutze, Adolf Gedan, und Otto Grau . Letzterer versorgte Neuerburg und von dort auch in den 60ern Mettendorf mit regelmäßigem Gottesdienst in der Schule. Auch hier war dieser Gottesdienst aufgrund der Diasporasituation aus dem Wunsch nach mehr Gemeinschaft entstanden. Später fand der Gottesdienst in der katholischen Kirche Mettendorf und ab dem 2.12.1988 als Feierabendgottesdienst immer mit Abendmahl im Wohnhaus von Frau Merkel statt. Diese 6. Predigtstätte wurde ab dem 5.7.1996 aufgegeben.

Ab 1970 wurde aus der Katechetenstelle in Speicher eine Gemeindemissionarssstelle, für deren Inhaber Diakon Gab 1973 ein Gemeindezentrum mit Gottesdienst- und Versammlungsmöglichkeit in Speicher errichtet wurde. Erst 1977, also 101 Jahre nach der Erhebung zur eigenständigen Pfarrgemeinde Bitburg, bekam die Gemeinde Bitburg aufgrund des Mitgliederwachstums eine 2.Pfarrstelle in Speicher.

Ab den 70ern verbindet die Gemeinde Bitburg eine Partnerschaft mit der Ev. Gemeinde Blumenhagen in der Uckermark (damals DDR). Bis in die 90ger Jahre findet ein ziemlich regelmäßiger gegenseitiger Besuch statt.

1974 hatte Pfr. Schroer die Gemeinde verlassen. Es folgt eine längere Vakanzzeit. Der Hilfsprediger Heydt kommt 1977. Im selben Jahr verlassen Pastor i.H. und Pastor Gab die Gemeinde.

1978 tritt Pfr. Schiffler die 1. Pfarrstelle in Bitburg an und

1980 folgt der Siebenbürge Pastor Schuller zunächst als Gemeindehelfer und später als Pfarrer in die 2. Pfarrstelle in Speicher.

1981 erweitert die Gemeinde das Kirchengebäude durch eine Anbau. Oberbaurat Vogel sieht zu seinem Leidwesen die ohne Absatz verlängerte Straßenfront des Kirchengebäudes hinsichtlich der Proportionen zum Turm verschoben.

1987 tritt Pfr. Mann nach seiner Hilfsdienstzeit ab 1985 in Nachfolge Pfr. Schifflers die Pfarrstelle in Bitburg an. In Neuerburg fand die ev. Gemeinde zum Gottesdienst freundliche Aufnahme in der katholischen Pfarrkirche. Dort findet er auch heute noch in den Wintermonaten statt. Am 20.5.1993 wird eine weitere Predigtstätte in der Ev. Waldkapelle Neuerburg eingeweiht. Pfr. Schuller verlässt 1994 die Gemeinde. Die Pfarrstelle Speicher bekommt nach kurzer Vakanz 1995 Pfr. Bothe. 1995 verläßt Pfr. Mann die Gemeinde.

Am 4.Februar 1996 wird Pfr. Hans-Ulrich Ehinger in die 1. Pfarrstelle in Bitburg eingeführt.

Konnte die Ev. Gemeinde in Bollendorf dankenswerterweise in der katholischen Pfarrkirche Gottesdienst feiern, so erfolgte am 7. Dezember 1996 die Einweihung einer weiteren Predigtstätte. Im ausgebauten Dachgeschoss eines Wohnhauses am Ortseingang Bollendorf findet man nun einen Gottesdienstraum, in dem seit dem regelmäßig Gottesdienst stattfindet.

Nachdem Pfr. Bothe die Gemeinde Ende 1999 verlässt, folgt nach einer Vakanz Pfr. Jochen Debus am 13. August 2000 in die 2. Pfarrstelle Speicher. Ab 1. April 2000 hat die Kirchengemeinde noch zusätzlich für 3 Jahre Pfr. z.A. Arne Hensel durch die Zuweisung der Landeskirche erhalten.

Einen weiteren Schub evangelischer Gemeindeglieder erhält die Ev. Kirchengemeinde Anfang der 90er durch den Zuzug von über 1000 deutschstämmigen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowietunion. Zur Zeit der Abfassung der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der Ev. Kirche in Bitburg hat die Gemeinde über 4430 Mitglieder.

In dem ausgedehnten Gemeindegebiet mit etwa 64 km Durchmesser und den vielen kleineren und größeren Orten ist die Ev. Kirchengemeinde in den zurückliegenden Jahren immer wieder auf die freundliche Bereitschaft katholischer Gemeinden bei der Überlassung von katholischen Kirchen für Bestattungen gestossen und hat mit vielen katholischen Gemeinden vielerorts die bereichernde Zusammenarbeit im ökumenischen Geiste erfahren.

Mit der Baptistengemeinde in Bitburg verbindet uns seit den 70ern zunächst sporadische Begegnungen, die aber im Laufe der Jahre immer mehr in eine herzliche Geschwisterschaft einmündeten. Zu nennen sind gemeinsame Lobpreisabende, die gemeinsame Durchführung von Offenen Abenden zu Glaubensfragen wie ProChrist 2000, die Gebetsabende innerhalb der Ev. Allianz und die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Abendlobgottesdiensten.

Die Entwicklung von 125 Jahren Evangelischen Lebens im katholischen Kontext ist beileibe nicht nur eine Frage von Gebäuden und dem Dienst von Pfarrern. Hier bleibt im dankbaren Rückblick das vielfältige, oftmals verborgen bleibende Engagement von mitarbeitenden Menschen in der Gemeinde zu nennen. In ihrer Zuwendung, ihrem Mitdenken und Mittun schreibt Gott seine Geschichte mit seinen geliebten Geschöpfen. In der gelebten Ökumene darf etwas von der Kraft erlebt werden die Gott der Einheit von Christen verspricht. Mit dem Bitburger Altarbild des gekreuzigten und in der brennenden Osterkerze bezeugten auferstandenen Christus wird die Gemeinde immer wieder an das in der Bibel bezeugte Geheimnis erinnert, das wirkliche Kraft im Leben und zum Sterben gibt:

  • der Lobpreis für den gekreuzigten Christus, der den Preis für unsere Gottestrennung und Gebotsübertretungen selbst übernahm.

  • der erwartungsvolle Aufblick auf den gegenwärtigen auferstandenen Herrn der Kirche, dass er auf unsere Gebete antwortet und das Vertrauen wachsen lässt, das wahr zu machen, was er versprochen hat.

  • der Einsatz der Gaben der Einzelnen, die sich in einem Gesamten ergänzen und die Fülle der Herrlichkeit des Wirkens Gottes deutlich machen.

  • der Empfang der Liebe Gottes, die im Umgang der Gemeinschaft untereinander und in dem Dienst am Nächsten sich wiederfinden lässt.

Quellen u.a.:

  • Ingolf Schneider, Entstehung und Entwicklung einer Kirchengemeinde in der Diaspora - die evangelische Kirchengemeinde Bitburg von der preußischen Rheinprovinz bis in die Gegenwart

  • Chronik der Ev. Kirchengemeinde Bitburg

  • Presbyteriumsprotokolle, Akten und Gemeindebriefe

  • Heinz Schroer, Die Ev. Kirchengemeinde Bitburg

  • Werner Franzen, aus den Akten des landeskirchlichen Archivs zur Kirchengemeinde Bitburg

  • Linnemann, Entstehung und Aufbau unserer E. Kirchengemeinde Bitburg

Author: Hans Ulrich Ehinger

DIE REFORMATION IN DER EIFEL

125 Jahre evangelische Kirche und Gemeinde in Bitburg am 28. Okt. 2000

Festvortrag von Dr. Peter Neu, Bitburg

Es gibt Tage im Jahr, da möchte man an die Decke gehen. Da schaltet man abends die Fernseh-Nachrichten ein und muß hören, wie in Nordirland Katholiken oder Protestanten aufmarschieren, wie Polizeicordons die Gruppen auseinanderhalten müssen, wie Fanatiker auf ihre angeblich so heiligen Rechte pochen, wie gleichzeitig Molotow-Cocktails hochgehen. Man sieht es, man hört es und man fragt sich, ob das alles im Jahre 2000 ein schlechter Film sei.

Protestanten und Katholiken nebeneinander - in unserer Region ist das - Gott sei´s gedankt - kein Problem. Kein Problem mehr! - Denn schlagen wir die Chroniken auf, dann kommen wir schon ins Nachdenken und ins Grübeln. Wir brauchen dabei gar nicht so weit zurückzublicken. Und vielleicht erging es Ihnen ja wie mir. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in einem kleinen Dorf hier in der Nähe von Bitburg aufgewachsen , wir gingen als Kinder alle brav jeden Sonntag zur Messe und wir waren, das war kein Thema, fromme und treue Katholiken. Nur eine Ausnahme gab es da, ein fast gleichaltriger Junge, Berndchen, der brauchte nie sonntags früh aufzustehen und zur Kirche zu gehen. Er war evangelisch. Seine Eltern waren während der Westwallbau-Zeit im Ort hängen geblieben. Und dieses "Anders sein als wir", das wir bei Berndchen fanden, machte ihn irgendwie verdächtig und zum Außenseiter. Gab es einen unangenehmen Vorfall, wer kam als erster in Verdacht: Berndchen; gab es einen Streit, wer bekam als erster die Schläge aller ab: Berndchen. Als Kinder machten wir sich darüber keine Gedanken, wir gehörten ja zur Mehrheit - und die hat bekanntlich meist das Recht auf ihrer Seite. "Evangelisch" - das war halt anders als wir - und der arme Junge hatte es sicher manchmal sehr schwer. Kein Lehrer und kein Pfarrer machte uns - wenn ich mich recht erinnere - auf unser Fehlverhalten aufmerksam. Erst viel, viel später ging mir auf, was da unter uns Kindern im Dorf ablief, und oft habe ich als Lehrer in der Schule dieses Beispiel erzählt, wenn es um das Thema Religionsstreit und Religionskämpfe ging. Nun aber zurück zu den historischen Ursprüngen.

Für uns ist es ganz selbstverständlich: die Eifel ist - oder war zumindest - ein reinkatholisches Land. Über 99 % der Einwohner waren zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts katholisch. An Andersgläubigen gab es wenige Israeliten, auf jeden Fall aber noch viel weniger Evangelische.

Wir nehmen das als gegeben hin und erinnern uns vielleicht noch an unsere Geschichtsstunden, wo wir einmal etwas hörten von "Cuius regio - eius religio - Wer die Herrschaft hat, der bestimmt auch die Religion." Seit 1555 galt dieser Satz für das ganze römisch-deutsche Reich. Und wo ein katholischer Kurfürst und Erzbischof von Trier oder ein katholischer Herzog von Luxemburg regierte, da war für Evangelische kein Platz.

Daß es allerdings auch in der sonst als finster verschrienen Eifel einst eine reformatorische Bewegung gab, das hat man lange totgeschwiegen, vielleicht auch verdrängt. Erst in den letzten Jahrzehnten sind zum Teil die Quellen dieser Reformation in der Eifel wieder aufgetaucht. Es war eine "Gescheiterte Reformation", wie ein Verfasser (Hans Christoph Rublack) vor rund 20 Jahren das Ereignis genannt hat. Wir wollen heute dieses völlig zu Unrecht vergessene Kapitel Eifeler Geschichte noch einmal aufblättern.

Die Eifel war katholisch - ja. Aber schon zu Lebzeiten Luthers, und das ist kaum bekannt, gab es reformatorische Bestrebungen im Land zwischen Rhein - Maas und Mosel.

Zentrum des Eifeler Protestantismus wurden im 16. Jahrhundert die Gebiete der Grafen von Manderscheid. Ihnen gehörte damals die halbe Eifel, ihnen gehörte natürlich Manderscheid, aber auch Neuerburg und Bettingen, Oberkail und Gerolstein - Kronenburg - Stadtkyll - Blankenheim und nicht zuletzt Schleiden. Und damit rücken wir also ganz in die Nähe von Bitburg.

Um die Anfänge der Reformation zu verstehen, aber sollte man kurz einige Sätze sagen über das Leben und auch über das religiöse Leben in unserer Heimat um 1500, soweit die Quellen darüber berichten. Unsere Vorfahren, die allesamt weder lesen noch schreiben konnten, fristeten ein armseliges Leben in ungesunden, feuchten Wohnungen. Kriege, Hungersnöte, Seuchen trugen das ihre dazu, daß man in diesem Jammertal nur selten 50 wurde und daß man keine schönen Zeiten erwarten konnte. Man lebte - anders als wir - im Blick auf das Jenseits, wo dieses Jammertal zu Ende war. Wer es sich leisten konnte, sorgte früh genug vor; das konnten vor allem natürlich Grafen und Fürsten. So glaubte Kaiser Friedrich III. sein Seelenheil dadurch sichern zu können , daß er in seinem Testament festlegte, daß bei seinem Tod 30.000 Seelenmessen zu lesen seien. Und eine Nürnberger Äbtissin Caritas trat in dieser Zeit um 1500 dafür ein, daß in jedem Rosenkranzgesetz am besten 5000 Ave Maria gesprochen werden müßten, statt nur dürftiger 10. Von Kardinal Albrecht von Brandenburg weiß man, daß er insgesamt Ablässe für 39 Millionen Jahre kaufte und anhäufte.

Und in der Eifel? Unsere Gegend blieb von diesen Auswüchsen keinesfalls verschont. Wer Ablaßbriefe sehen will, der braucht nur die Stadtbibliothek in Trier aufzusuchen, wo man eine ganze Reihe in alten Akten aufbewahrt. Und der Graf von Manderscheid-Blankenheim, den wir eben schon kennenlernten, glaubte seine Frömmigkeit dadurch zu steigern, daß er zahlreiche Reliquien erwarb, sie zum Teil in seiner Burg anhäufte, zum Teil an Kirchen im Land weitergab. Er wie die Zeitgenossen waren der Meinung, daß die Heiligen, deren Reliquien er verehre, ihm Fürsprecher im Himmel sein könnten. Wie viel falsche Knochen und Knöchelchen durch unseriöse Reliquienhändler damals durch die Gegend getragen und teuer verschachert wurden, weiß heute kein Mensch, daß es aber einen sehr unseriösen Reliquienhandel in einer Zeit des Analphabetentums gab, ist unzweifelhaft.

Und die Geistlichkeit auf dem Land? Ein anschauliches Bild von ihrem Leben gibt uns der Trierer Kurfürst Johann Ludwig von Hagen in einer Verordnung des Jahrs 1542. Da schreibt er (Scotti, Verordnungen Bd. 1, S. 315/16):

"Wir werden glaublich berichtet, wie sich die geistlichkeit in unserem Ertzstifft allenthalb mit irem leben, handel und wandel vast ungeburlich halten, und dardurch viel ergernus dem gemeinen mann geben. ; nachdem, als wir hoeren, irer ettlichen tag und nacht in offenen wirthsheußeren bei dem wein sitzen und alle leichtfertigkeit under sich selbst und mit dem bauersmann pflegen, sich auch zu vielmalen undereinander hauwen, stechen, reuffen und schlagen un sonst in iren heißern mit verderblicher beiwonung dermaßen leben sollen, daß jederman ein boeß exempel darab neme."

Ein solcher Erlaß des Trierer Erzbischofs kam nicht von ungefähr. Der Oberhirte sah also Mängel - so wie sie auch die Reformatoren sie sahen. Als der Trierer Erzbischof schließlich im Sinne der Gegenreformation um 1560 eine erste Visitation - also Besichtigung und Bereisung - seiner Pfarreien durchführen ließ, trafen die Visitatoren in der Tat auf manche unhaltbaren Zustände, die wir heute nicht mehr kennen würden, wenn wir nicht die Berichte der Visitatoren hätten. Damals hatten, allein an 5 Orten des Dekanates Bitburg, Geistliche Kinder, so u. a. in Bollendorf, Edingen, Gransdorf, Fließem. Dem Pfarrer von Edingen an der Sauer, der 34 Jahre alt war, warf der Visitator aber noch anderes vor; er halte sich - wie es heißt - "mit seinen nachbarn zänkisch".

Den Pfarrer von Gransdorf aber tadelte der Visitator nicht nur, er lobte ihn auch, denn trotz seiner 5 Kinder halte er - wie es heißt "zucht und ordnung" in der Kirche.

Schaut man in benachbarte Dekanate, dasselbe Bild bietet sich. Da heißt es etwa vom Pfarrer von Vichten in Luxemburg: "Er hält 2 Mägde, unterhält eine große Familie, spielt Karten und verbringt die meiste Zeit im Wirtshause." Oder über den Pfarrer in einer anderer Luxemburger Pfarrei (L´Eglise)- Luxemburg gehörte damals zur Diözese Trier - "Führt ein skandalöses Leben, flucht, ist ein ehebrecher, verbringt sein ganzes Leben in den Wirtshäusern oder als Pferdehändler auf der Straße."

Diese Beispiele sollen genügen. Hier muß man einhalten, denn - auch das sei gesagt - über die damaligen Bitburger Geistlichen gab es keine schwerwiegenden Klagen - wenn man denn das Kartenspiel als läßliche Sünde einstuft. Man sieht, nicht überall gab es dasselbe Bild des Zerfalls.

Aber die Beispiele zeigen doch: Auch in der Eifel hätte um 1500 - 1550 ein Luther auftreten können, mit der Faust auf den Tisch schlagen sollen und zu einer Neubesinnung aufrufen müssen. Aber einen Luther der Eifel kennen wir nicht.

Als 1530 in Augsburg auf einem Reichstag die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis, endgültig und klar katholische von evangelischer Lehre abgrenzte, da findet sich bereits in der Eifel das erste schriftliche Zeugnis der Lehre Luthers. Man muß bedenken, in einer Welt ohne moderne Kommunikation, ohne gute Straßen und mit nur sehr wenigen gedruckten Bücher und Schriften trat an der oberen Kyll, genau in Kronenburg bei Stadtkyll, ein Geistlicher auf brachte Bedenken vor gegen Heiligenfeste, gegen Marienverehrung und vertrat die Meinung, man solle sich einzig auf die Hl. Schrift berufen.

Woher kamen diese Gedanken mitten in die "finsterste" Eifel? Wir wissen es nicht genau, man kann nur vermuten, daß die Eisenindustrie, die es in Kronenburgerhütte am Fuße der Burg gab, dazu beigetragen hat, denn eine solche Hütte zog Facharbeiter, Händler und Fremde an.

Der Kronenburger Pfarrer unterstand natürlich damals nicht nur seinem Bischof, sondern mindestens genau so war er abhängig von seinem weltlichen Herrn, und das war Graf Dietrich von Manderscheid (+ 1551). Dieser Dietrich, dem die Nachwelt und wohl auch schon die Zeitgenossen den Beinamen "Dietrich der Weise" gaben, findet sich wiederholt im Umkreis des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied, der bekanntlich auf sein einträgliches Amt verzichtete und zum neuen Glauben wechselte. In der Begleitung dieses Kölner Kurfürsten nahm der Eifelgraf an verschiedenen Reichstagen in den bewegten Jahren nach dem Thesenanschlag teil. In Gesprächen zwischen den Kaiserlichen und den sogenannten Schmalkaldenern wurde der Eifelgraf als Vermittler eingeschaltet. "Angenehm und annehmbar für beide Seiten", heißt es um 1540 von ihm. Und Melanchthon, einer der großen Reformatoren, bezeichnet diesen Manderscheider als "sehr angenehmen Mann".

Martin Bucer, der Reformator Straßburgs, weilte sogar zeitweise in der Eifel, und zwar auf Burg Schleiden, als Gast dieses "weisen Dietrich". Er nennt ihn einen "herzlich getrewen Christ". Bucer widmete sogar dem Bruder des Grafen, Ruprecht, eine seiner Schriften und schriebt in der Widmung, der Graf Ruprecht sei "ganz dem evangelio zugethan".

Der Sohn des Schleidener Rentmeisters, also eines hohen gräflichen Beamten, Johannes, zog gar 1541, also zu einer Zeit, als Luther noch lebte, auf die Universität Wittenberg.

Wenn man das alles zusammenfaßt und aus moderner Sicht beurteilen soll, kann man nur staunen: In der Eifel gab es also schon zur Zeit Luthers Adelige und Geistliche, die der neuen Lehre Interesse und wohl auch Sympathie entgegenbrachten. Zwar besitzen wir aus Bitburg direkt kein Zeugnis, dafür aber ein um so deutlicheres aus dem nahen Neuerburg.

Im Jahrhundert der Reformation wirkte in Neuerburg ein Pfarrer Nikolaus von Reuland. Über ihn berichtete der Luxemburger Rat Keck:

"Klaus ist ein guter Prediger, ihm ist es gelungen, den alten Pfarrer zu überzeugen, daß es nach der Hl. Schrift nur die Kommunion unter beiderlei Gestalt gibt. So hat auch dieser Pfarrer sie fortan unter beiderlei Gestalt gereicht. Klaus teilte bisher die Kommunion nur unter beiderlei Gestalt aus; nur ausnahmsweise, wenn jemand es wünschte, reichte er nur die Hostie. Er sagte dann, er wolle ihrer Schwachheit keinen Zwang antun. Den Pfarrkindern gab er den Rat, die Prozessionen vor Johannistag zu unterlassen, indem er erklärte: "Bleibt zu Hause und betet in Eurer Kammer, mit der Prozession zu gehen, heißt, an der Seite des Teufels einherlaufen." Bei der Taufe bedient er sich bald der lateinischen, bald der deutschen Sprache."

Soweit das Zitat, das noch erheblich weiter fortfährt und darin gipfelt, daß Klaus nur noch das gelten lassen wolle, was in der Schrift stehe. "Menschliche Satzungen" , wie er sich ausdrückte, wollte er nicht annehmen. Schließlich warb er um die Hand der Tochter eines Neuerburger Bürgers, die er heiraten wollte, weil er - wie er sagte - der Lehre des Apostels Paulus folge.

Auf Burg Neuerburg lebte um 1570 Graf Joachim von Manderscheid. Der muß das Vorgehen seines Geistlichen akzeptiert haben. Der Graf selbst schrieb seinem Vetter Eberhard, Domherr in Köln, daß er bei der letzten Kindtaufe trotz Fastenzeit Fleisch gegessen habe, aber das mache ihm kein Kopfzerbrechen. Die religiöse Einstellung des Burgherrn blieb den Luxemburgern und Spaniern nicht verborgen. Der Statthalter der Niederlande, Alexander Farnese, schrieb über ihn: "Er und seine Frau sind Häretiker, sie essen Fleisch an verboteten Tagen und begehen andere skandalöse Dinge."

Diese Berichte aus Neuerburg zeigen, wie in fast unmerklicher Weise - im Gegensatz zum sogenannten Täufertum - der Übergang zur lutherischen Lehre sich vollzog.

Und auch aus Prüm haben wir Nachricht darüber, daß die katholische Kirche sich Sorge machte, daß der Ort vom alten Glauben abfallen könne. Das allerdings hing auch wieder mit der Familie der Grafen von Manderscheid zusammen, denn in der Benediktinerabtei Prüm residierten fast ein Jahrhundert lang Manderscheider Grafensöhne als Äbte. Als 1576 Abt Christoph von Prüm-Manderscheid starb, rückte eine kleine Trierer Streitmacht ein, um notfalls mit Gewalt die rechte Lehre wieder herzustellen. Ein Jesuit, der in der Kirche predigen mußte, drückte seine Enttäuschung den Worten aus: "Diese Leuthe (= Einwohner Prüms) wollen alle äußerlich als Katholiken gelten und auch so genannt werden. Aber sie tragen davon nur den leeren Namen. Ihr Katholizismus ist durchsetzt mit 1000 Irrtümern und ganz verdorben, in Wirklichkeit sind es Lutheraner. neulich begann ich in der Kirche zu predigen. Da liefen sehr viele aus dem Gotteshaus und kamen niemals mehr in die Kirche. Sie kommen mir mit der Ausrede, von ihrem Pfarrer werde solches nicht gelehrt."

Die Worte sprechen für sich.

Wie reagierte die Obrigkeit? An ihr hing alles. Wenn sie den Wandel mitvollzog, wechselte die Gegend innerhalb kürzester Zeit zur neuen Lehre über, wenn sie sich widersetzte, verdorrten die kleinen Pflänzchen schnell.

Landesherren im Bitburger Raum waren die Kurfürsten von Trier und die Herzöge von Luxemburg. Seit 1555 war der König von Spanien gleichzeitig Herzog von Luxemburg. Auf dem spanischen Thron saß damals Philipp II., der Sohn des großen Karl V.. Philipp sah sein Lebensaufgabe darin, die katholische Lehre zu bewahren - mit allen Mitteln - notfalls mit Waffen und der gefürchteten Inquisition, wie man an dem blutigen Krieg sehen kann, den er gegen die Geusen, die Niederländer, führen ließ. Erzbischof in Trier wurde 1567 Jakob von Eltz (+ 1581), ein Mann der entschiedenen Gegenreformation, der mit allen Mitteln gegen die aufkommende neue Lehre vorging. Das waren also die denkbar ungünstigsten Voraussetzungen - wenn man es aus evangelischer Sicht sieht - die denkbar günstigsten, wenn man es aus der Sicht der Katholiken betrachtet.

Wie das im Einzelfall vor sich ging, das kennen wir sowohl aus Neuerburg, aber auch aus Oberkail oder Prüm, also ganz hier aus der Nachbarschaft. Im Sommer 1590 teilte Graf Dietrich von Manderscheid-Kail (+ 1613) dem Erzbischof von Trier mit, daß seine Mutter Anna (von Leiningen-Westerburg) "durch eine geschwinde schwacheit übereilt" verstorben sei. Er habe sie in Oberkail in der Familiengruft beisetzen lassen. Der Trierer Erzbischof aber bedrohte auf diese Nachricht hin den Pfarrer von Oberkail mit Exkommunikation und damit, daß die Kirche entehrt sei, wenn nicht sofort die Gräfin aus ihrer Gruft entfernt werde. Als Grund gab er an, die adelige Dame sei "ihr lebzeith biß auch in den todt der Catholischen religion nicht zugethan gewesen", sie habe die Osterkommunion nicht empfangen, habe nicht gebeichtet und in ihrer Umgebung einen abtrünnigen Geistlichen geduldet. Das seien Gründe genug, ihr ein christliches Begräbnis zu verweigern. Von Trier aus bestand man auf der Exhumierung der Gräfin, erst danach dürfe die Kirche wieder benutzt werden. Der Streit wurde bis vor den Nuntius getragen. Ein jahrelanger Briefwechsel wurde geführt, wobei der Sohn mit Nachdruck darauf beharrte, daß die Mutter nie eine "Häretikerin" gewesen sei. Schließlich lenkte der Erzbischof von Trier offenbar ein, die Exhumierung fand nicht statt.

Und in Neuerburg, auch dort schritt vor allem die weltliche Macht, der Herzog von Luxemburg, energisch ein. Er nutzte den Zeitpunkt, als Joachim von Manderscheid (+ 1582) plötzlich starb. Seine Witwe Magdalena (von Nassau-Idstein) mußte die Burg und den Ort verlassen, auch ihr warf man vor, sie sei eine Abtrünnige und sie fördere die neue Lehre. Die Witwe verließ mit sieben unerwachsenen Kindern die Westeifel, das älteste war erst 12 Jahre alt, und suchte schließlich Zuflucht auf Burg Virneburg unweit Mayen, wo sie sich sicherer glaubte. Hier machte man es ihr zur Auflage, ihren einzigen Sohn Philipp Dietrich nur von katholischen Lehrern und auf einer katholischen Universität erziehen zu lassen. Der Junggraf studierte dann im katholischen Freiburg, verhöhnte aber in seinen Briefen, die er der Mutter sandte, das "papistische Freiburg". Der Mutter versicherte er, daß er nach wie vor treu zur "Augsburgischen Lehre" stehe und daß niemand ihn davon abbringen könne. - Was die katholische Kirche mit ihrer Strenge bei Einzelnen erreichte, daß zeigt sich auch bei den Töchtern. Sie gaben sich gegenseitig im Jahre 1600 das Versprechen, "bei erkanter Lehr des des hl. Evangelii augspurgischer Confession... so viel uns gott gnad verleihet, bis an unser endt bestendiglich zuverharren und von solcher uns nkicht abhalten oder verkehren zu lassen."

Eines ist eindeutig: Unter den Grafen von Manderscheid gab es einige, die der neuen Lehre sehr gewogen waren. Eine Haltung, die uns heute selbstverständlich erscheint, nämlich Toleranz zu üben, war für das 16. Jahrhundert beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die Grafen von Manderscheid, deren Burgen wir heute noch bestaunen können, zeigten zumindest diese Toleranz. So hat auch Graf Eberhard von Manderscheid-Blankenheim den Bürgern "unserer alten statt Kill" im Zeitalter der Reformation garantiert, was "den puncten religionis oder glaubens berühret, solle einem jeden frey gelassen sein, seinem gewissen nach, gleichwol sonder ärgernuß oder verfhürung seiner nachparn und mitbürgern, zu leben." Das klingt recht modern, "nach seiner Fassong selig werden" - wie es viel später der aufgeklärte Friedrich der Große seinen Untertanen zubilligte - das gab es also schon fast 200 Jahre früher in der Eifel.

Im 17. Jahrhundert setzte sich endgültig die Gegenreformation durch. Die kleinen Pflänzchen evangelischen Glaubens, die in der Eifel zu sprießen begonnen hatten, gingen alle ein. Zum Teil war das nur möglich, weil Gewalt angewendet wurde. So jedenfalls war es in Schleiden oder Kronenburg - dort rückte nach dem Tode des zuständigen Grafen von Manderscheid der katholische Graf Philipp von der Marck (nach 1592) ein, der mit den Manderscheidern verwandt, aber streng katholisch war. So gab er in Schleiden vor, er komme, um die Witwe zu trösten, kaum aber war er in der Burg, so besetzten seine Soldaten die Tore - am Ende setzte er das durch, was er wollte: die neue Lehre wurde unterdrückt, den alten Glauben führte er wieder überall ein.

Von 1600 bis etwa 1815 gab es praktisch keine evangelischen Untertanen in den katholischen Territorien des Süd- oder Westeifelraumes.

Eine Wende brachte dann die Gründung der preußischen Rheinprovinz 1815. Our und Sauer wurden Grenzflüsse. Es mag für die Geistlichkeit, aber auch für viele unserer Vorfahren damals wie ein Schock gewesen zu sein: Wir wurden Preußen und unser König war anderen Glaubens. Der Herrscher gehörte einer Konfession an, die man bis dahin verteufelt und verketzert hatte. Bürgermeister, Landräte, Polizisten, die ins Land geschickt wurden, waren plötzlich keine Katholiken mehr. Das Zusammenleben der Katholiken und Evangelischen war im vergangenen Jahrhundert alles andere als vorbildlich. So weigerten sich zahlreiche Geistliche, nach der Messe das bis dahin übliche Gebet "Dominum salvum fac regem - Herr schütze unseren König!" noch vor der Gemeinde zu beten. Und einer der esten, die damals in unsere Gegend kamen und nicht katholisch waren, war der bekannte Prümer Landrat Georg Bärsch. Er berichtet über diese Zeit um 1820 in der Eifel: "Außer mir uns meiner Gattin gab es noch zu Prüm und in der Umgegend mehrere Evangelische, auch der Kommandeur des Landwehrbataillons und mehrtere zum Stamme dieses Bataillons gehörende Offiziere gehörten dieser Konfession an. Die nächste evangelische Kirche war in Trier. Nur wenige besaßen die Mittel, sich dahin zu begeben, um das hl. Abendmahl zu empfangen. Dadurch entstand Indifferentismus, die evangelischen. Eltern, mehrentheils in gemischten Ehen lebend, schickten ihre Kinder in die einzige bestehende katholische Schule und ließen sie katholisch werden. "

Erst 1817 bildete sich die evangelische Gemeinde Trier. Von hier aus wurden die wenigen in der Eifel lebenden Glaubensgenossen mit betreut. Erst rund 10 Jahre später - 1828 - bildete sich in Prüm eine evangelische Gemeinde, die durch den dort garnisonierten Landwehrstamm zustande kam. Und Bärsch berichtet in seinen Lebenserinnerungen, daß er sich über einen ihm bekannten Mittelsmann (Kabinettsrat Albrecht) an den König direkt wandte. Der König persönlich bewilligte - wie es heißt - "aus seiner Schatulle nicht nur ein jährliches Gehalt von 500 Talern und 50 Talern Wohnungs-Entschädigung für den anzustellenden Pfarrer, sondern auch die Kosten zur Errichtung eines Saales." Diese Gemeinde Prüm war die erste in der Eifel und sie feierte ihren ersten Gottesdienst 1821. Die Gemeinde erstreckte sich über die Kreise Prüm, Bitburg und Daun. Erst nach der Jahrhundertmitte (1858) bildeten sich in den Kreisstädten Daun, Bitburg und Wittlich eigene Gemeinden. (Bärsch, Lebenerinnerungen S. 133 - 134).

Wie man hier in Bitburg zu dem andersgläubigen Monarchen stand, zeigt eine Begebenheit des Jahrs 1854. Der preußische Prinz, der spätere Kaiser Wilhelm I., besuchte die Rheinprovinz und fuhr, von Prüm kommend, mit der Kutsche in die Kreisstadt ein. Die Geistlichen der Stadt aber weigerten sich, wie es bei solch hohem Besuche früher üblich war, die Kirchenglocken zu läuten. Als Begründung gaben sie an, daß geweihte Kirchenglocken nicht zum Empfang eines Andersgläubigen geschlagen werden dürften. Das hatte zwar für die Geistlichen ein Nachspiel, aber der Vorfall zeigt, wie zurückhaltend und wie erzkonservativ die Eifler und Bitburger waren. Wenn es auch im "tollen Jahr 1848" in Koblenz beispielsweise zu einer Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten im sogenannten "frommen Club" kam, so spielte doch eher in den rein-katholischen Gebieten des Trierer Landes die emotionsgeladene Atmosphäre dieses Jahres neue Antipathien hoch. So berichtete der Trierer Regierungspräsident 1849 (24. Okt.) dem Oberpräsidenten von einer "feindlichen Gesinnung des hiesigen katholischen Clerus gegen das preußische Gouvernement, erklärlich durch konfessionelle Antipathien und durch den überall hervortretenden Widerwillen der katholischen Kirche, sich einem evangelischen Staatsoberhaupte irgend zu fügen."

Ein Vorfall sei hier erwähnt, auch wenn er in einiger Entfernung, nämlich in Erpel am Rhein sich 1851 abspielte. Am 13.2.1851 war dort ein evangelischer Herr von Arnim auf dem Friedhof beigesetzt worden. Die Beerdigung wurde nicht nur pöbelhaft gestört, das Grab wurde sogar gewaltsam geöffnet, schließlich mußte ein Kommando von 40 Soldaten anrücken, um das Grab zu schützen. Ein ähnlicher Vorfall wird aus Hermeskeil berichtet, wo der katholische Geistliche bestraft wurde, weil er die Beerdigung eines Evangelischen auf dem Friedhof gestört hatte (LHAK 441, 3445, S. 593). - Gewiß, es gab Dinge, durch die die religiösen Gefühle der Menschen verletzt wurden. So bestand in Preußen seit 1832 eine Verordnung, nach der katholische Soldaten gezwungen waren, dem evangelischen Militärgottesdienst beizuwohnen (Behr, Provinz S. 65).

Die Jahre des Kulturkampfes (nach 1872) führten zu neuen Höhepunkten mit vielen unschönen Szenen im Zusammenleben zwischen Katholiken und Evangelischen in der Region. So berichtete Bürgermeister Weis aus Wolsfeld dem Bitburger Landrat 1874 über zwei Predigten des Bettinger Pfarrers Hormisch. Danach soll der Pfarrer in seinen Predigten ausgeführt haben, daß "Calvin und Luther keine echten Religionsgründer" seien, weil "bei beiden die Wunder fehlen. Nach dem gegebenen Zusammenhang der Predigten muß unser König und Kaiser bei den Zuhörern als das Oberhaupt einer Kirche und Lehre erscheinen, die Hurerei und jede Ungerechtigkeit als erlaubt und verbunden mit starkem Glauben als selig machend verkündet" werde (LHAK 442, Nr. 1932, S. 7 - 9). Die Folge der Predigten war, daß der Bettinger Pfarrer "wegen Aufreizung des Publikums und Beschimpfung der evangelischen Religion" zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. (LHAK 442, Nr. 5073, fol. 30). Das war - es muß hier leider gesagt werden - kein Einzelfall.

Und doch gibt es gerade in dieser Zeit - und zwar hier in Bitburg - ein schönes Beispiel für friedliches Zusammenleben und Zusammenfeiern. Auf den Tag genau, heute vor 125 Jahren, also am 28. Oktober 1875, wurde hier an dieser Stelle die evangelische Kirche eingeweiht, und dieses Fest vereinte offenbar in unserer Stadt Katholiken und Evangelische. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen aus dem damaligen Bericht die zwei ersten Sätze vorlese: "Eine erhebende Feier war es, die heute eine große Menge evangelischer und katholischer Christen, Einheimische und Fremde, hier zusammenführte. Es galt, die neue evangelische Kirche einzuweihen, welche sich so überraschend schnell am Ende unserer Stadt erhoben." Ausdrücklich wird in dem Bericht erwähnt, daß bei der musikalischen Gestaltung katholische und evangelische Christen gemeinsam musizierten. - Zum Bau der 1. evangelischen Kirche steuerte Kaiser Wilhelm I. 2000 Taler bei - ob er sich dabei an den unfreundlichen Empfang erinnerte, der ihm rund 20 Jahre vorher in Bitburg gegeben wurde, wissen wir nicht, vielleicht hat es ja mit dazu beigetragen, daß er spendenfreudig war und so die kleine Gemeinde, die nicht einmal 150 Seelen umfaßte, unterstützte. - Die Kirche stand: Aus der Vikariatstelle Bitburg, die es offiziell 20 Jahre lang gegeben hatte (seit 1855), wurde eine evangelische Pfarrstelle.

Aber dennoch - wie heute waren die Zeiten nicht. Wie sehr das Verhältnis zwischen Katholiken und Evangelischen vor 120 Jahren auch in Bitburg zumindest zeitweise vergiftet war, zeigt eine Pressemitteilung. In der Bitburger Zeitung (21.5.1878) Bürgermeister Hubert Prim machte bekannt: "An der hiesigen evangelischen Kirche sind in den letzten Wochen unvorsichtig oder böswillig mit Koth und Steinen mehrfach Fensterscheiben eingeworfen wurden. Ich ersuche jeden, auf die Täter zu achten und sie eventuelle zur Anzeige zu bringen."

Wie fanatisch, man selbst 1900 noch in den Eifeldörfern dachte, zeigt das Beispiel des bekannten Dichters Peter Zirbes aus Niederkail. Er konvertierte 1900 wegen Differenzen, die er mit dem Ortspfarrer hatte, zum Protestantismus. In einem Dorf lebend, in dem sonst nur Katholiken wohnten, mußte er ein Jahr später, damals schon ein alter Mann, erleben, daß eine aufgebrachte du fanatische Dorfjugend ihm das Dach über dem Kopf anzündete. Nur mit Mühe konnte der von der Gicht geplagte Mann aus dem brennenden Haus gerettet werden. Bei seiner Beerdigung mußten Polizisten einschreiten, um die aufgebrachte katholische Bevölkerung zurückzuhalten.

Wir haben - Gott sei Dank - diese Szenen, die also vor genau 100 Jahren ganz hier in der Nähe gab, im Geiste überwunden und vergessen. Wenn man sich fragt, was denn mit zur Versöhnung der Religionen - in unserm Land - beigetragen hat, dann waren das sicher nicht die großen Reden, es waren nicht die klugen Predigten, es war - so glaube ich - die ganz kleinen Schritte, die an der Basis geschahen, und bei einzelnen Geistlichen.

Und ich möchte zum Schluß wieder zu meinem eigenen Erleben zurückkommen. Ich erinnere mich, daß mein Vater, der als Frontsoldat im 1. Weltkrieg vor Verdun lag, uns wiederholt sagte, wie beeindruckt er gewesen sei von einem evangelischen Geistlichen, der mit ihnen damals die Hölle von Verdun durchlitten hatte und wie er erlebt habe, daß die Evangelischen, die neben Katholiken in Todesangst lagen, mit ihnen zusammen gefleht und gebetet hätten, und daß doch eigentlich gar kein großer Unterschied zwischen den Christen evangelischen und katholischen Glaubens sein könne. - Und wenn man hört, daß im 2. Weltkrieg etwa der katholische Pfarrer von Monschau in der Eifel auch die evangelischen Toten der Stadt beerdigte, weil der evangelische Geistliche im Feld stand.

Dies ist ein Vorgang, der ein Jahrhundert vorher unweigerlich zur Exkommunikation des Geistlichen geführt hätte. Die bedrückenden Erlebnisse eines antireligiösen und antichristlichen Geistes in der Diktatur, die Gründung einer gemeinsamen christlichen Partei nach dem 2. Weltkrieg, das alles hat entscheidend zu einer Aussöhnung und zu einem Miteinander geführt. Der Fanatismus, der bis zum 1. Weltkrieg herrschte, ist längst überlebt. Daß ich als Katholik hier zu einem Fest unserer evangelischen Gemeinde sprechen darf, das sehe ich als eine Auszeichnung an. Die Zeiten, daß es mir wie Peter Zirbes vor 100 Jahren ergehen könne, sind in der Eifel vorbei. So können wir heute auch nur hoffen, daß Verantwortliche aller Religionen den Weg zueinander finden und daß die erschütternden Bilder Nordirlands, die uns abends in den Fernseh-Nachrichten aufschrecken lassen - bald der Geschichte angehören mögen.

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